Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!

Deutschland ist 1990 in die Mitte Europas zurückgekehrt. Was heißt das? Zunächst und vor allem: Die alten Westbindungen bleiben zentral wichtig. Nach wie vor sind die USA außen- und sicherheitspoli-tisch unser Fundament. Aber daneben müssen wir uns als Deutsche darum bemühen, unsere Umge-bung zu stabilisieren – in derem wie im eigenen Interesse. Seit Parlament und Regierung in Berlin sitzen, wird Ostmitteleuropa nach und nach besser wahrgenommen. Das ist unsere vordringliche Auf-gabe. Die Oder, früher die Mitte der Monarchie, bildet nun unsere östliche Grenze. Die Polen sind nach den Franzosen unser größter, wichtigster Nachbar.

Weshalb sind so wenige bei uns neugierig, wie es dort und weiter östlich aussieht? Schon die Atlanten behandeln den Raum zwischen uns und den Russen stiefmütterlich. Hindert der verdrängte Schmerz über den Verlust vieler Gebiete, in denen die Deutschen einst zu Hause waren, ihre architektonischen Spuren hinterlassen haben – Kirchen, Burgen, Schlösser, Bürgerhäuser -, unsere sonst doch unbän-dige Reiselust? Ist es die Furcht, Landschaften zu betreten, die einst von Deutschen und Juden ge-prägt wurden? Die einen sind ermordet worden, die anderen hat man vertrieben. Was hindert uns, nach der Heimat von Paul Celan, Johannes Bobrowski oder Elias Canetti zu suchen? Warum will so selten jemand von uns herausfinden, wie es in der Bukowina, in Siebenbürgen oder Galizien heute aussieht? Wer war schon auf dem Windenburger Leuchtturm, an der melancholischen Memel, in der Festung Chotin über dem ukrainischen Dnjestr, bei Thomas Mann auf der Kurischen Nehrung? Wer kennt den Domberg von Reval und die Tartlauer Kirchenburg? Wer sah den Flügelaltar der Söhne des Veit Stoß in der Stadtpfarrkirche des heute rumänischen Mühlberg? Wer besuchte das Jurewklo-ster mit der herrlichen Georgskathedrale am Ilmensee, dort, wo der Wolchow entspringt? Wenn noch immer nur wenige das ganz mittelalterliche Thorn oder, gleichfalls an der Weichsel, die alte Königs-stadt Krakau kennen, obwohl doch beide Orte in unserer Nähe liegen, darf man sich nicht wundern, wenn ihnen die Kreml von Nowgorod oder Pleskau, dieser Hansestädte, nichts sagen. „Die Mitte liegt ostwärts“ war schon in den achtziger Jahren die Programmschrift des Historikers und Publizisten Karl Schlögel, der heute an der Viadrina lehrt. Mit vielen Essays hat er uns die landschaftlichen Schönhei-ten, den kulturellen Reichtum jener lange vergessenen Gebiete Europas neu vor Augen geführt, uns mit wachen jungen Intellektuellen dort bekannt gemacht. Was Johann Joachim Winckelmann im acht-zehnten Jahrhundert für die Wiederentdeckung der Antike, den Beginn der Klassik bedeutete, muss Schlögel in unseren Tagen werden. Nur wenn wir uns das Verlorene neu vor Augen führen, innerlich aneignen, werden wir neu imstande sein, uns einen vernünftigen, fröhlichen Reim auf unsere alte, schwierige Mittellage zu machen. Das ist seit dem Umzug der Hauptstadt verstärkt die Aufgabe Deutschlands. Wir haben in der weiten Welt nicht viel zu bestellen. Unser vordringliches Tätigkeitsfeld liegt in Europa. In der EU verankert, müssen wir uns tatkräftig um die Stabilisierung Ostmitteleuropas bemühen.

Was bedeutet der Umzug sonst noch? Nicht nur gegenüber Ostmitteleuropa brauchen wir ein neues, einfühlsames Bewusstsein unserer Rolle. Auch uns selbst sollten wir künftig besser wahrnehmen. Die Masse der Westdeutschen merkt erst, seit die Hauptstadt wieder Berlin ist, was sich 1990 ereignet hat. Seit dem Umzug wird erst ganz allmählich in Umrissen klar, was von der „Berliner Republik“ zu halten ist, von der man zeitweilig so viel hörte. Bisher kann man nicht sagen, dass Deutschland in seine eigene Mitte zurückgekehrt sei, sein inneres Gleichgewicht neu gefunden hätte.

Die erste Regierungserklärung Schröders enthielt nur vage, unsichere Hinweise, was er sich unter einer „Republik der Neuen Mitte“ vorstellte, die von Berlin ausgehen sollte. Er pries das weltoffene Klima der Stadt, Berlin als Anziehungspunkt für Jugend und kulturelle Avantgarde, sah in Berlin eine „heitere und aufregende Stadt“ für jüngere Deutsche und Europäer, „die sie von Fußballspielen und der Love Parade her kennen. Auch und gerade an diese Traditionen,“ sagte er, „werden wir anknüp-fen, wenn wir Berlin zur Hauptstadt einer Republik der Neuen Mitte machen wollen.“

Schon 1998 war klar, dass das nicht reichen werde. Man muss sich offensichtlich gedanklich mehr anstrengen bei diesem Ortswechsel, der zugleich eine Rückkehr in unsere lange Geschichte ist, die man wieder so oder so in den Blick nehmen muss. Wer einen neuen Stil deutscher Politik entwickeln, sich offener, unbefangener, souveräner geben möchte als im kleinstädtisch zugeschnittenen Bonn, muss sich an einem hohen Anspruch messen lassen. Er muss mehr im Blick haben als die letzten fünfzig Jahre. Aber er darf gleichzeitig keinen Augenblick die Tugenden vergessen, die der alten Bundesrepublik Respekt und Zustimmung der Welt eingetragen haben: die Bescheidenheit des Auftretens, den kooperativen Arbeitsstil, die Fähigkeit anderen zuzuhören, ihre Interessen wahrzunehmen, behutsam am Konsens mitzuwirken. Wenn sich der neue Stil Schröders, seine selbstbewusste Stillosigkeit auf Dauer durchgesetzt hätte, wäre die Substanz der Bundesrepublik verändert worden.

„Berliner Republik“ – das sind zwei Worte, die eine verbreitete, vage Erwartung spiegeln. Es fällt auf, dass immer weniger von der „Bundesrepublik“ die Rede ist, ihre Fünfzigjahrfeier 1999 nur müdes In-teresse fand. Mehr und mehr wird von „Deutschland“, von der „Republik“ gesprochen. Auffällig viele junge Menschen – und nicht nur junge – blicken erwartungsvoll auf Berlin, ziehen dorthin. Medien, Zeitungen, Verlage rechnen mehr und mehr mit einer neuen Metropole, stellen sich auf sie ein. Diese breite, mächtige Erwartung ist in sich ein Element der Veränderung. Sie wird uns das Bestehende mit anderen Augen wahrnehmen lassen. Sie schafft eine Atmosphäre, in der Neues die Chance erhält, zum Thema zu werden, sich durchzusetzen. Bonn war immer untypisch für die Bundesrepublik, weil es bürgerlicher, gesetzter, provinzieller war als große Teile des Landes. Man bekam dort wenig von dem mit, was die Deutschen bewegte. Berlin ist der umgekehrte Fall – ein Brennspiegel, ein Erwar-tungshorizont, ein nationaler Durchlauferhitzer. Es ist materiell, finanziell schlechter beieinander als alle anderen deutschen Großstädte. Es ist wirklich arm. Vieles liegt im Argen, muss unbedingt geän-dert werden. Soziale Spannungen sind sichtbar, die Ghettobildung in einigen Bezirken weit fortge-schritten. Zugleich regt die Stadt in ihrer außerordentlichen kulturellen, künstlerischen Vielfalt aber unerhört an und auf, inspiriert Gespräche, verlangt Auseinandersetzungen, die gemeinsame Selbst-prüfung. Die Geschichte Deutschlands ist hier unausweichlich überall näher als sonst wo. Das alte West-Berlin und die Hauptstadt der DDR leben bisher, abgesehen vom Prenzlauer Berg, immer noch weitgehend nebeneinander her, gehören gesellschaftlich und politisch in verschiedene Welten, und dennoch sieht man nirgendwo in Deutschland so viel gemeinsame Neugier und so viel Wandel.

Das wird atmosphärisch eine Menge ausmachen, falls sich die Nation, nach einer Pause von fünfzig Jahren, zu einer wirklichen Hauptstadt aufrafft, also nicht länger mit einer bloßen Geschäftsstelle wie Bonn zufrieden ist. Die Union, die bei weitem wichtigste Partei der alten Bundesrepublik (alle anderen waren im Grunde nur Zutaten), prägte mit Westintegration und Marktwirtschaft den Bonner Staat, des-sen Symbol die DMark war. Jetzt liegt in der Berliner Republik eine breite Linksunion in der Luft, und die Westverlagerung Deutschlands wird ergänzt durch ein umfassendes, hoffentlich konstruktives Engagement in den Staaten östlich von uns. Sie werden in Berlin ungleich stärker ins Blickfeld rücken als am Rhein. Andererseits hat vor sieben Jahren das waghalsige westeuropäische Experiment des Euro begonnen, das – wenn es gelingt – die Verschmelzung des Kontinents bewirken könnte, in je-dem Falle die EU vor eine große Bewährungsprobe stellt. Deutschland steht also vor einer Reihe neu-er, ungewohnter Herausforderungen. Vieles spricht dafür, dass wir zwischen Ost und West, auch zwi-schen Freiheit und Gleichheit, nach außen und im Innern eine neue Balance finden müssen. Die künf-tige Synthese, so ist zu vermuten, wird dem neuen Namen der kommenden Berliner Republik Inhalt und Sinn geben.

Vielleicht werden wir sogar eine neue Verfassung brauchen. Es war gut, dass wir ein solches Vorha-ben 1990 nicht angepackt haben. Denn die Runden Tische damals konnten kaum überzeugen. Aber in Zukunft kann sich die Frage nochmals und anders stellen. Je nach politischem Geschmack wird bei uns Margaret Thatcher oder Tony Blair gepriesen. Jedoch ist in Deutschland vollkommen undenkbar, was erst die eine, dann der andere in den ersten Monaten ihrer Regierung gestaltend zustande ge-bracht haben. Unser Grundgesetz räumt einer siegreichen Partei keine vergleichbaren Gestaltungs-möglichkeiten ein, macht tatkräftiges Regieren kaum möglich. Das deutsche Regierungssystem von 1949 entstand unter dem Eindruck der Katastrophe, zu der die Diktatur geführt hatte. Vom Nationalso-zialismus geschockt, haben die Verfassungsväter eine ausgewogene Machtbalance ersonnen, die der Immobilität und dem Stillstand Vorschub leistet, die ohnehin in unserer Konsensgesellschaft nahe liegen. Das wird sich in Krisenzeiten fatal bemerkbar machen. Möglicherweise hat das Grundgesetz, unsere verfassungspatriotische Grundlage, seine beste Zeit hinter sich.

Beispielsweise bedarf der deutsche Föderalismus bestimmt einer Neuordnung. Einiges mag inzwischen dafür sprechen, ihn ganz abzuschaffen. Theoretisch könnte man ihn auf Verwaltungsaufgaben und die regionale Traditionspflege mit Fahnen und Landesvätern reduzieren. Das Grundgesetz jedoch verbietet absolut seine Beseitigung, und wir haben in unserer langen Geschichte gute Erfahrungen mit ihm gemacht. Also muss er neu geordnet werden. Man sollte dem Bund, den Ländern und Kommunen je eigene Aufgabenbereiche und, natürlich, entsprechende eigene Finanzquellen zuweisen, also die volle Verantwortung auf den ihnen eingeräumten Feldern übertragen. Die Konstruktion des Bundesrates, die aus dem Bismarckreich stammt, also unter ganz anderen Voraussetzungen geschaffen wurde, ist antiquiert. Welche Rechtfertigung soll es auf Dauer dafür geben, dass der Bundesrat der Regierung immer wieder in den Arm fällt, ohne selbst Verantwortung im Gesamtstaat zu übernehmen? Es war beschämend, in welchem Maße sich die Länder bei der Wiedervereinigung verweigert haben.

Alle verfassungspolitischen Gedanken sind vorerst freilich für die Katz. Erst nach einer großen Er-schütterung, einer revolutionären Bewusstseinsänderung, wird eine grundlegende Umgestaltung der Verfassung denkbar werden. Vielleicht haben wir Glück, und der Druck der Verhältnisse erzwingt eine andere Regierungspraxis. Dann könnten wir beim Grundgesetz bleiben. Goethe, den wir nicht grund-los immer wieder feiern, hatte jedenfalls Recht, als er sagte, das größte Bedürfnis der Menschen sei eine mutige Obrigkeit.

Vielleicht fällt es anderen Völkern leichter, ihre Probleme zu lösen, weil sie sich nicht nur geogra-phisch, sondern auch historisch bei sich mehr zu Hause fühlen. Die Rückkehr nach Berlin könnte die Heimkehr in die deutsche Geschichte bedeuten; bisher ist sie das nicht. Ja, der Gedanke einer sol-chen historischen Selbstbesinnung erschreckt viele. Aber sie böte offensichtlich doch auch die Chan-ce, unserem Lande eine festere Grundlage für sein Selbstgefühl zu verschaffen. Dem Zeitklima ent-spricht der Rückblick. Es gab noch kürzlich Perioden, während derer sich die Gesellschaft in utopi-schen Entwürfen der Zukunft wiederfand. Das ist vorbei. Wir sind am Beginn einer Phase, in der die deutsche Geschichte neu Gewicht gewinnen sollte, unsere Selbstachtung durch eine historische Rückbesinnung gekräftigt werden könnte. Es wäre unsinnig zu behaupten, Geschichtskenntnis führe zur Verherrlichung der Vergangenheit. Aber auch das Gegenteil ist unrichtig. Die Geschichte lehrt, wie es zu Erfolgen und Niederlagen kam, was Fortschritt und Reaktion ausmachen, was bedeutend wur-de, was Schwierigkeiten abgerungen ist. Geschichte gibt Fingerzeige für das eigene Leben, wonach man streben, was man besser bleiben lassen sollte. Die Kenntnis der Geschichte - gerade auch im kleinen, im lokalen Rahmen - vermittelt Einsichten, die bescheiden werden lassen, Menschen von aller Besserwisserei abhalten.

Wer unsere Vergangenheit unter die Lupe nimmt, wird rasch von der verbreiteten Vorstellung Ab-schied nehmen, wir seien klüger – und erst recht: wir seien tapferer - als unsere Vorfahren. Wer sich neugierig und aufgeschlossen (und nicht im Gefühl der Überlegenheit, das immer unberechtigt ist) verschiedenen Phasen unserer Vergangenheit zuwendet, wird überraschende, positive Entdeckungen machen. Der große Vorteil gegenüber allen spekulativen Visionen, gedanklichen Konstruktionen, die nur Behauptungen sind, nicht erprobt wurden, ist bei der Geschichte die Gewissheit, dass man im vergangenen Leben frühere Wirklichkeiten aufspürt. Man wandert auf Wegen, auf denen sich vor uns andere bewährt oder blamiert haben.

Die unbefangene Neugier, das Leben unserer Vorfahren wieder zu entdecken, ist uns indessen seit Jahrzehnten verleidet. Denn deutsche Geschichte wird weithin nur mit jenen zwölf Jahren gleichge-setzt. Im Mittelpunkt deutscher Selbstverständigungsversuche steht bisher monolithisch die NS-Vergangenheit, die Steilwand der Verbrechen jener Zeit. Im Abstand zu den Ereignissen sind die dunklen Schatten, die sie wirft, immer länger geworden. Vielleicht wären die Nationalsozialisten längst vergessen, wenn sie nicht diese Untaten zu verantworten hätten. Die Verbrechen sind fast das einzi-ge, was wir jetzt noch mit ihrer Ära verbinden. Alexander Schuller hat vor acht Jahren die Frage auf-geworfen, woher die verbreitete, aber verquere Anhänglichkeit an den Terror komme. Kann es sein, fragte Schuller, dass Nationalsozialismus wie Kommunismus nicht trotz, sondern wegen der vielen Morde faszinieren, die sie auf dem Gewissen haben? Paradoxerweise, schrieb er, rette die weltweite Erinnerung an den Holocaust das Dritte Reich vor dem Abgrund des Vergessens. Das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor werde die jüdischen Opfer beklagen, zugleich aber die Wirkungs-macht des Nationalsozialismus feiern. Der Mythos sei stärker als alle Vernunft.

Welcher Mythos? Welchen geheimnisvollen Sog übt der politische Mord auf die Phantasie gerade der Intellektuellen aus? „Wer mordet, beansprucht historische Legitimität“, schrieb Schuller. Durch Tod zum Leben sei ein biblisches Prinzip, aber dialektisch gewendet enthalte es auch den Appell, dass nur derjenige zum Leben komme, der selbst töte, das blutige Schwert der Apokalypse führe. Wer andere töte, partizipiere am Mythos der Unsterblichkeit.

Der Totalitarismus stelle demnach den Versuch dar, meinte Schuller, die Vergänglichkeit, die Nichtig-keit des Menschen manifest zu machen. In diesem Sinne sei das Morden des Totalitarismus ein my-thischer Akt. Wer Kommunist sei oder Faschist, den kümmere die Realität nicht. Jedenfalls nicht die empirische. Kommunisten und Faschisten lebten in einer anderen Welt, mitten im Mythos, in einer uns unzugänglichen geschichtlichen Leidenschaft. -

Alle Forschung, alles Nachdenken und Debattieren, kluge Bücher, bewegende Filme werden uns nicht von diesen düsteren Vergangenheiten befreien. Sie lasten auf unserem Land. Nichts wird uns von ihnen erlösen. Das müssen wir hinnehmen. Die Deutschen werden immer fragend vor diesen riesigen, schweigenden Bergen stehen, diese Eisblöcke ratlos umkreisen, nicht verstehen, wie es dazu kom-men konnte. Sie werden keinen Trost daraus schöpfen können, dass auch unsere damaligen Gegner während des Zweiten Weltkrieges furchtbare Verbrechen an deutschen Frauen, Kindern und Greisen begangen haben. Der Vergleich entlastet nicht. Es nimmt nichts weg von deutschen Untaten. An Auschwitz - an dem, wofür diese Chiffre steht - ist nichts zu retten. Auschwitz wird an uns haften blei-ben, so lange es Deutsche gibt. Wolf Jobst Siedler hat gesagt, Hitler habe die Juden physisch, die Deutschen seelisch umgebracht. Darf man das denken, darf man es sagen? Man kann es nur, wenn man trotz der partiellen Wahrheit solcher Sätze an eine Zukunft Deutschlands glaubt und die Hoffnung hat, dass unser Volk dennoch seine innere Balance wiederfindet, seine Zukunft kraftvoll und zuver-sichtlich in die Hand nehmen wird.

Wenn das Land mit sich selbst ins Reine kommen will, muss es sich mit seiner ganzen Vergangenheit mutig auseinandersetzen. Die untilgbaren Erinnerungen müssen hingenommen werden. Man muss als Deutscher mit der Vorstellung leben, dass überall nahe oder ferne Verwandte jener Generationen zu vermuten sind, die zu Mördern wurden. Aber das heißt nicht, dass alle Deutschen schuldig gewor-den sind, heißt nicht, dass auch nur die Mehrheit von ihnen aus Mördern bestanden hätte. Ebenso wenig kann man sagen, alle damaligen Deutschen seien für den kriminellen Teil der Landsleute ver-antwortlich. Nachdrücklich möchte man späteren Generationen die Einsicht ans Herz legen, die der Publizist Sebastian Haffner in seinem Buch „Von Bismarck zu Hitler“ formuliert hat: „In einer Geschich-te des Deutschen Reiches“, schrieb er, „dürfen wir die Judenverfolgung und die versuchte Judenaus-rottung nicht verschweigen. Sie ist geschehen, und sie ist ein ewiger Schandfleck auf dieser Ge-schichte. Aber wir können sie andererseits nicht zu den Elementen zählen, die, wie so vieles andere im Führerstaat, in der Geschichte des Deutschen Reiches von vornherein angelegt waren. Auch ohne Hitler hätte es nach 1933 wahrscheinlich eine Art Führerstaat gegeben. Auch ohne Hitler wahrschein-lich einen zweiten Krieg. Einen millionenfachen Judenmord nicht.“ Wenn die Deutschen irgendwann in der Zukunft ihren Frieden mit sich selbst machen, werden sie ihn in solchen Sätzen finden.

So schrecklich die Erinnerungen an die Untaten unauslöschlich auf uns lasten, so deutlich ist auch, dass sie nicht die ganze deutsche Geschichte ausmachen, die mehr als ein Jahrtausend umfasst. Es ist falsch zu glauben, unsere Geschichte müsse und könne nur im Lichte der Vernichtungslager gese-hen werden. Wir sollten uns gegenseitig dazu ermuntern, an vielen anderen Orten nach unseren Wur-zeln zu suchen, tiefer in unseren Vergangenheiten zu graben. Dabei wird, wer unvoreingenommen ist, viel Positives finden. Welch kulturellen, geistlichen und geistigen Reichtum finden wir seit der Refor-mation im Raum zwischen Wittenberg und Weimar! Was hat das mitteleuropäische Deutschland allein im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert in Philosophie und Wissenschaft, Musik, Literatur und bildender Kunst der Welt gegeben! Im einzelnen wird jeder die Akzente anders setzen. Es kann kein einheitliches Geschichtsbild geben. Viele wichtige Erinnerungen sind regional. Es ist sogar immer wieder gefragt worden, ob es überhaupt eine deutsche Geschichte gibt oder nicht viel mehr verschie-dene, eher unverbundene Geschichten. Wie viele Dynastien – die Sachsen, Salier, Staufer, Habsbur-ger, Hohenzollern, um nur einige besonders wichtige zu nennen – wie viele, viele Hauptstädte! Viel-leicht ist die Wandlungsfähigkeit und Vielgestaltigkeit Deutschlands, die Europa im Kleinen nachbildet, unser wichtigstes Kennzeichen. Nur Gleichgültigkeit uns selbst gegenüber kann dazu führen, diesen Reichtum angesichts von Auschwitz für irrelevant zu halten. Es ist eine bedauerliche Verkümmerung, sich als Deutscher nichts aus der Vergangenheit positiv anrechnen zu wollen. Wir sollten uns nicht die Menschenfeindlichkeit und den Vernichtungswillen Hitlers und seiner Bewegung zu eigen machen. Wir dürfen seinen Nihilismus nicht verinnerlichen, nicht auf unsere ganze Geschichte anwenden. Sie kann sich doch insgesamt sehen lassen. Die Deutschen haben über Jahrhunderte hinweg in Europa kon-struktiv gewirkt. Im späten 19., frühen 20. Jahrhundert waren wir, zusammen mit einer, allenfalls zwei Zivilisationen eine Leitkultur für die ganze Welt. Wie stark ist seither unser Selbstvertrauen ge-schrumpft! Heute fragen wir uns sorgenvoll, ob wir das Recht haben, für Deutsche wie vor allem für die Zuwanderer eine verbindliche Leitkultur innerhalb der jetzigen Grenzen zu fordern. Unser Kleinmut ist kläglich.

Goethe hat im Zeichen der Hellas-Begeisterung gefordert: „Jeder sei ein Grieche auf seine Weise, aber er sei’s.“ Das gilt auch für uns Deutsche heute. Jeder sollte sich vergegenwärtigen, was ihm aus der deutschen Vergangenheit wichtig ist, und vermitteln und weitertragen, was er an unserem Volke wertvoll findet. Dabei wird immer vieles aus anderen Völkern ins Deutsche einfließen. Es macht unse-ren Reichtum aus, dass wir immer ein Transitland, ein Ort der Begegnungen und Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen gewesen sind, eine leuchtende Farbe im großen europäischen Teppich.

Eine aufgeschlossene Grundeinstellung, die Bejahung unseres Volkes durch die Deutschen, wird befreiend wirken. Sie wird keinesfalls heißen, obwohl das manche fürchten, wir würden dann den gro-ßen, schweigenden Eisberg vergessen. Das wird nicht der Fall sein. Aber sobald sich die Deutschen als das erkennen, anerkennen, was sie über lange Strecken ihrer Geschichte gewesen sind – ein bescheidenes, menschenfreundliches, tüchtiges, auch friedliches Volk -, werden sie Auschwitz leichter ertragen, werden diesen Ort des Schreckens nicht mehr für das zentrale Ereignis, nicht für die Essenz unserer Geschichte halten. Um Europa dienlich zu sein, dürfen wie das braune Verhängnis natürlich nicht verdrängen. Aber wir müssen dennoch gleichzeitig eine gute Meinung von uns selber haben, müssen unsere Selbstachtung zurückgewinnen.

Dafür bedarf es öffentlicher Emotionen. Die Bundesrepublik war lange Zeit aus guten Gründen stolz darauf, ein ganz und gar rationales Gebilde zu sein. Alle Politik, aller Erfolg wurden nur daran gemes-sen, wie viel Geld gemacht und bewegt wurde, was wohlfahrtstaatlich den Bürgern angeboten werden konnte. Selbst die unerhörte Begebenheit der Wiedervereinigung wurde nicht als das Glück einer Rückkehr kulturell reicher Gebiete in das gemeinsame Land gesehen, sondern nur unter dem Ge-sichtspunkt betrachtet, was sie kostete. Diese Reduzierung unserer Lebenseinstellung ist tief bedauer-lich. Allenfalls war sie vor fünfzehn Jahren immer noch erklärlich als Reaktion auf den Missbrauch aller Emotionen im Dritten Reich. Heute darf das nicht mehr gelten.

So wie Gefühle für jeden einzelnen unerlässlich sind, wenn er nicht krank werden soll, spielen öffentli-che, positive Emotionen für jedes Land eine wesentliche Rolle. Von ihnen hängt die innere Balance, Festigkeit und Ausstrahlung ab. Wer sich als einzelner nicht bejahen kann, ist für seine Umgebung kein Vergnügen, sondern eine Last. So lange die Deutschen sich mit ihrem negativen Nationalgefühl, ihrem Selbsthass quälen, werden sie für andere unberechenbar sein. Wir werden für uns wie für unse-re Nachbarn erfreulicher, wenn wir lernen, ohne Selbstüberhebung gern Deutsche zu sein.

Man hat gesagt, dass eine Nation an ihrer Überzeugung zu erkennen sei, große Dinge in der Vergan-genheit getan zu haben, und an der Entschlossenheit, sie auch in Zukunft zu tun. Sind wir eine Nation, wollen wir Großes tun? – ganz groß muss Deutschland ja nicht mehr sein. Es gibt seit langem bei uns ein seltsames Schwanken zwischen einer - jedenfalls rhetorisch - weltweiten Beglückungsbereitschaft und einer kleinmütigen, zerknirschten Selbstverleugnung. Die Deutschen wissen im Grunde nicht, was sie wirklich wollen sollen in dieser Welt. Sie besaßen nie eine eigene zivilisatorische Idee, wussten nie, in welche Formeln sie das kleiden sollten, was ihnen als wertvoll vorschwebte, um es anderen Völkern nahe zu bringen, sie für uns einzunehmen. Die Russen hatten den Panslawismus, die Fran-zosen ihre Ideen von 1789, die Briten und Amerikaner lange demokratische Traditionen. Bei uns nichts dergleichen. Orientierungsschwierigkeiten, Unberechenbarkeiten. Das macht uns haltlos, er-schwert auch alle Diskussionen über Einbürgerungen und Staatsangehörigkeiten. Was meinen wir mit Integration? Welche Werte sollen gelten? Was erwarten wir von neuen Mitbürgern? Welche Kenntnis-se müssen sie nachweisen, welche Leistungen erbringen?

Wenn unser Deutschland nur eine Versorgungsgemeinschaft und Umverteilungsagentur von Geldern und Chancen ist, wird es keinen Bestand haben, Selbstgefühl und Würde nicht zurückgewinnen. Je-der weiß aus seinem eigenem Leben, dass man nicht allein von materiellen Leistungen leben kann. Seelische Kräfte spielen eine entscheidende Rolle. Was wollen wir aus den letzten fünf Jahrzehnten in das Erbe der Menschheit einfließen lassen? Gibt es Leistungen der DDR, die in das Gedächtnis der Welt eingehen können? Und die Bundesrepublik? Im Wahlkampf von 1972 betonte Willy Brandt den Stolz auf das eigene Land, auf das Modell Deutschland, unter dem man damals wohlfahrtsstaatliche Errungenschaften, Mitbestimmungsmodelle, weit geöffnete Bildungssysteme verstand. Heute betrach-ten wir all dies nicht ohne Skepsis. Aber die Bundesrepublik kann bis heute stolz darauf sein, dass sie über ein halbes Jahrhundert hinweg – die längste gute Phase, die wir in der neueren Geschichte ge-habt haben – eine weltweit geachtete, lebendige Demokratie, eine kraftvolle Wirtschaft, umfassenden Rechtsschutz und auch ein leistungsfähiges Sozialsystem entwickelt hat. Diese Pfeiler unseres Selbstvertrauens sind noch immer fest in den Köpfen und Herzen der Mitbürger verankert. Aber zu-gleich müssen wir uns auf soziale Einschränkungen gefasst machen. Damit wird die Beantwortung der Frage dringlich: Was hält Deutschland in Zeiten der Not zusammen?

Was uns fehlt, hat einmal der ungarische Schriftsteller György Konrád angedeutet, damals Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste. Bei der Eröffnung einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum über die Mythen der europäischen Nationen fragte er: Was hält Gemeinschaften zusammen, was Religionen und Familien, Nationen und Parteien? Es sind gemeinsame Märchen, das, was wir lesen, worin wir unterwiesen werden, was wir auf Schritt und Tritt hören, etwa im Radio, im Fernsehen, wovon in der Familie oder der Kneipe die Rede ist, was wir uns durch Bildung aneignen. Der Mensch hat das Bedürfnis, irgendwohin zu gehören. Die Masse der Bevölkerung muss sich nicht sonderlich den Kopf darüber zerbrechen. Denn sie erbt eine Märchensammlung, die für das kollektive Ego eher angenehm als unangenehm ist. „Jede Nation (sagte er) braucht eine Abstammungssage, ruhmreiche Anekdoten und Erinnerungen an gemeinsame Leiden. Wenn wir keine Geschichte haben, existieren auch wir selbst nicht.“ Zu den religiösen Festen gesellen sich die nationalen. Die Erzählungen, die an sie anknüpfen, haben emotionale Wirkungskraft. An den Loyalitäten gegenüber dem Mythos lässt sich die Loyalität der Bürger zum Staat ablesen. Offenbar gibt es das Bedürfnis, vom gemeinsamen Selbst gelegentlich ergriffen zu sein. Man braucht erhebende Feste, bei denen man die Alltäglichkeit hinter sich lässt. „Die sonntäglichen Hochgefühle sind wichtig. Nötig sind nicht nur Wein und Fleisch, sondern auch das Pathos.“ Was die Kirche früher war, wurde später das Vaterland. „Die kollektiven Mythen sind unvermeidlich“, schloss Konrad. „Lediglich ihr Äußeres wandelt sich. Dies ist der Stoff, aus dem wir gemacht sind.“

In der erwähnten Ausstellung wurden die Mythen der Völker an Beispielen illustriert. Für die Deut-schen des neunzehnten Jahrhunderts waren wichtig die Schlacht im Teutoburger Wald, der Tod Bar-barossas, die Reformation als nationalgeschichtliches Ereignis, die Befreiungskriege und die Reichs-gründung. Heute sähe die Auswahl sicher anders aus, obwohl man darüber im einen oder anderen Falle streiten kann. Zumindest die beiden letzten Ereignisse könnten noch immer Anknüpfungspunkte gemeinsamer Selbstvergewisserung sein. Jedoch kommen jetzt auch andere Daten in Betracht, zum Beispiel die Revolution von 1848.

Selbst wer nicht weit in die Vergangenheit zurück möchte, findet in der Mitte unseres zwanzigsten Jahrhunderts zwei Ereignisse in Deutschland, die „mythenfähig“ sind, anders ausgedrückt, Vorbildcha-rakter haben und Anlass zur Freude, Gelegenheit zu gemeinsamem Stolz bieten.

Der 3. Oktober, unser jetziger Nationalfeiertag, gehört nicht dazu. Er ist nichtssagend, inhaltsleer, nicht überhöhungsfähig. Kaum jemand weiß, weshalb wir gerade diesen Tag feiern. Wer herumfragt, wird selten Richtiges hören. Und selbst wer die zutreffende Antwort kennt, ist als Lehrer in großer Verlegenheit, was er Schulkindern aus diesem Anlass erzählen soll. Die Benennung dieses Tages war ein Missgriff. Kein Wunder, dass jede öffentliche Diskussion vermieden wurde.

Der frühere Nationalfeiertag der Bonner Republik, der 17. Juni, war bis zur Wiedervereinigung pro-blematisch. Denn die Westdeutschen feierten etwas, was die DDR-Deutschen acht Jahre nach Kriegsende getan hatten. Seitdem die beiden Teile des Landes wieder zusammengekommen sind, fällt dieser Einwand weg. Im Gegenteil sprach – und spricht immer weiter - viel dafür, diesen Tag jetzt gesamtdeutsch zu begehen und damit den Heroismus der Ostdeutschen zu feiern. Es wäre nur ge-recht gewesen, wenn die Zivilcourage dieser unserer Landsleute dauerhaft gewürdigt worden wäre. Obendrein hätte man damit den Herbst 1989 in die richtige historische Perspektive gerückt. Denn was 1953 an den sowjetischen Panzern gescheitert war, wurde ohne das Eingreifen der Russen 36 Jahre später zum Erfolg.

Unser Volk quält sich zu Recht mit seinem nationalsozialistischen Erbe. Um so unverständlicher ist es, dass es sich auch schwer tut mit erhebenden Erinnerungen seiner Geschichte, auf die es stolz sein könnte, über die es glücklich sein müsste. Was haben die Franzosen aus dem Sturm auf die Bastille gemacht, einem – historisch genau betrachtet – bescheidenen, risikoarmen Ereignis! Und wir? Unser Land ist nicht so reich an eindrucksvollen Freiheitsbewegungen, das es sich Vergesslichkeit erlauben dürfte und leisten könnte.

Ein wirklich großer Augenblick unserer Geschichte waren nämlich die Tage und Taten des 16./17. Juni 1953. Erstmals im damaligen Ostblock, drei Jahre vor den Ereignissen in Polen und Ungarn 1956, fünfzehn Jahre vor dem tschechoslowakischen Frühling 1968, kam es in jenen Junitagen im sowje-tisch besetzten Teil Deutschlands zu einer machtvollen Erhebung. Innerhalb weniger Stunden wuchs ein sozialpolitischer Demonstrationszug, mit dem Bauarbeiter der Stalin-Allee gegen die administrativ verordnete Lohndrückerei des SED-Regimes aufbegehrten, zu einem wirklichen Volksaufstand in der gesamten DDR an. Der 16./17. Juni war eine Revolte aus dem Volke, spontan, ohne eigentliche Füh-rung, von anrührender Humanität. Denn man hat damals, vielleicht naiv, statt Bahnhöfe, Postämter, Rundfunksender zu besetzen, als erstes unschuldig eingesperrte Landsleute, politische Gefangene, zu befreien versucht. Im Laufe weniger Stunden beteiligten sich in Hunderten von Orten viele Hundert-tausende von Menschen. Höhepunkt waren überall Massenkundgebungen, bei denen spontan die Einheit und Freiheit Deutschlands gefordert wurde: Menschenrechte, freie Wahlen, Demokratie.

Seit 1945 hatte die Sowjetunion gewaltsam die Umgestaltung ihrer Zone vorangetrieben, seit Sommer 1952 hatte die rücksichtslos forcierte, sozialistische Verformung unerträgliche Ausmaße angenom-men. Hunderttausende waren währenddessen in den Westen geflohen. Unter denen, die blieben, wuchs die Empörung, die sich nach Stalins Tod explosionsartig Luft machte. Hätten damals die Russen nicht gewaltsam eingegriffen, wäre das Regime, dessen Führer die Hauptstadt bereits flucht-artig verlassen hatten, schon im Sommer 1953 und nicht erst im Herbst 1989 von dieser elementaren Volksbewegung hinweggefegt worden. Was vor anderthalb Jahrzehnten glücklich gelang, endete 1953 in Erschießungen, in langen Einkerkerungen. Tausende mussten in Gefängnissen ihren Frei-heitswillen büßen.

Der 17. Juni war und ist, seit 1989 erst recht, für immer ein Anlass stillen deutschen Stolzes. Der Mut, die Entschlossenheit der Männer und Frauen unseres Volkes, die für die Ziele dieses Tages viele Jahre der Haft, ja in mehr als hundert Fällen ihr Leben hingegeben haben, müssen im Gedächtnis der Nation bewahrt werden. Denn wofür sie eintraten, bildet heute und in Zukunft die Grundlage unseres gemeinsamen, jetzt glücklich wieder vereinten Staates: Deutschlands Einheit in Freiheit, der Mensch-lichkeit verpflichtet, eine wirkliche Demokratie.

Das andere der beiden großen erinnerungswürdigen Ereignisse unserer jüngsten Geschichte ist der 20. Juli 1944. An diesem Tage explodierte, wenige Meter von Hitler entfernt, bei der Lagebesprechung im ostpreußischen Führerhauptquartier nahe Rastenburg eine Bombe, die dort unter dem Kartentisch von dem jungen, schwer kriegsverletzten Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Vater von vier kleinen Kindern, deponiert worden war. Als Generalstabsoffizier gehörte er zu den ganz wenigen, die Zugang zum Führer hatten. Hitler blieb unverletzt. Noch am Abend des gleichen Tages wurde Stauf-fenberg im Hof des Berliner Bendlerblocks zusammen mit drei Mitverschwörern erschossen. Aber mit dieser Tat, die das noch immer weithin gottähnlich verehrte Staatsoberhaupt zu beseitigen versuchte, hat Stauffenberg die Ehre Deutschlands gerettet.

Bei der Opposition gegen Hitler handelte es sich um eine Ansammlung höchst ungleichartiger, nach Herkunft, Denkungsart und politischer Richtung in vieler Hinsicht voneinander verschiedener Einzel-ner. Im Grunde wusste jeder, dass der Staatsstreich ohne ernsthafte Erfolgschance war. Selbst ein gelungenes Attentat hätte das Land nicht aus dem Würgegriff der Machthaber befreit. Der Kampf um Hitlers Erbe im Inneren hätte dann erst begonnen, sein Ausgang wäre überaus ungewiss gewesen. Es gab außerdem keinerlei Aussicht, an der bedingungslosen Kapitulation vorbeizukommen, auf die sich die Kriegsalliierten verständigt hatten. Insofern ist immer wieder argumentiert worden, es sei gut ge-wesen, dass der Anschlag auf Hitlers Leben in der ostpreußischen „Wolfschanze“ scheiterte. Denn er hätte zum Zusammenbruch der Fronten zumal im Osten, hätte zum Bürgerkrieg führen können, hätte vor allem mit einer neuen Dolchstoßlegende den Beginn der späteren Bundesrepublik schwer bela-stet. Auf der anderen Seite steht solchen Erwägungen gegenüber, dass eine immerhin denkbare, frühere Beendigung des Krieges nach dem Tode Hitlers Millionen Menschen das Leben gerettet, an-deren unsägliches Leid erspart, auch die Zerstörung vieler unserer historischen, wunderschönen Städ-te verhindert hätte.

Aber bei der Würdigung dieses Tages kommt es auf solche Erwägungen nicht an. Die Attentäter han-delten, obwohl sie wussten, dass ihr Unternehmen fast aussichtslos war. Der 20. Juli war vor allem eine symbolische Tat. Darin lag sein Sinn, seine Rechtfertigung. Gerade die Aussichtslosigkeit des Unternehmens hat ihm seine moralische Größe gegeben. Ohne Rückhalt im eigenen Volk und ohne Ermutigung des Auslands haben die Verschwörer im Grunde aus Selbstachtung gehandelt, aus Ver-antwortungsgefühl unserem Volk gegenüber. Deutsche Soldaten wollten unter Einsatz ihres Lebens ein Beispiel geben. Der 20. Juli war eine heroische Tat, die Tausende unserer besten Köpfe mit dem Leben bezahlt haben -

Schon diese beiden Daten unserer jüngsten Vergangenheit zeigen, dass auch unser Volk Anlass hat, stolz zu sein. Im einem Falle waren es Angehörige der Elite aller politischen Richtungen, die sich ge-gen die Tyrannei erhoben haben, im anderen war es eine spontane Massenbewegung. In beiden Fäl-len ging es um die Würde des Menschen, um Gerechtigkeit, um Verantwortung für das Gemeinwesen. Man muss also gar nicht weit zurückgehen, dann findet man auch in Deutschland bewundernswerte Beispiele des Freiheitswillens und des Mutes.

Traditionen verstehen sich nicht von selbst. Sie können nicht beliebig geschaffen werden. Andererseits hat uns der Historiker Eric Hobsbawm belehrt, wie viele ehrwürdige Traditionen, die wir für althergebracht halten, relativ jung sind, etwa in England erst im neunzehnten Jahrhundert erfunden worden sind. Auch die eindrucksvolle Kontinuität der französischen Nationalgeschichte von Karl dem Großen oder Ludwig dem Heiligen über Heinrich IV., Ludwig XIV., Napoleon und Charles de Gaulle bis hin zu Jacques Chirac ist nicht naturwüchsig, sondern eine bewusste Konstruktion. Sie postuliert eine Folgerichtigkeit, die die Zeitläufe nicht unbedingt besaßen.

Trotz der Probleme, die wir mit der deutschen Geschichte haben, die jedoch ab und an auch wehleidig übertrieben werden, sollten wir uns an den Franzosen in dieser Hinsicht ein Beispiel nehmen. Ohne die Brüche zu verschweigen, die auch andere Länder immer wieder erlebt haben, könnten wir einen sinnvollen, folgerichtigen Zusammenhang finden und begreifen. Man muss die Vielgestaltigkeit, Viel-deutigkeit und Offenheit unserer Geschichte annehmen. Sie ist nicht nur beunruhigend, nicht nur An-lass zur Sorge. Man kann aus ihr auch Mut schöpfen. Auch unsere Vergangenheit hat viele große Momente. Wir haben durchaus Grund zu Selbstvertrauen, Würde und bescheidenem Stolz. Was uns im letzten halben Jahrhundert gelungen ist, war nach dem Vorangegangenen nicht selbstverständlich. Es ist, alles in allem, eine großartige Leistung.

Von Präsidenten der französischen Republik bis zu einfachen Bürgermeistern auf dem Lande weiß man, dass sie in feierlichen Augenblicken, etwa am Nationalfeiertag, die Republik und Frankreich hochleben lassen: „Vive la Republique, vive la France!“ Diese freudige Bejahung der Staatsform, die wir uns gegeben haben, und Deutschlands, in dem wir leben, das wir mehr lieben sollten, könnten wir mit fröhlicher Selbstverständlichkeit auch bei uns einführen, zur guten Gewohnheit werden lassen. Die lange, lange Geschichte Deutschlands und das in fünfzig Jahren Bundesrepublik glücklich Erreichte rechtfertigen es, dass auch wir feierlich ausrufen: „Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!“


© Arnulf Baring, 31.01.2006