| Wohin
geht Deutschland ?
Gehen
wir überhaupt voran – und wenn ja, aufwärts oder abwärts?
Ist unser Land nicht seit Jahrzehnten, mit zunehmender Geschwindigkeit,
im Niedergang, rutscht auf den Abgrund zu? Beobachter ringen schon lange
hilflos die Hände, weil sie den Eindruck haben, die Deutschen –
gerade auch die Politiker – nähmen die Krise gar nicht wirklich
wahr, in der Deutschland steckt.
Doch
seit einiger Zeit gibt es Hoffnungszeichen. Sowohl bei Rot-Grün
wie auch bei Schwarz-Gelb setzt sich, trotz aller Rivalität untereinander,
angesichts der wachsenden Schwierigkeiten die Einsicht durch, dass es
so wie bisher nicht weitergeht. Wir müssen von unseren Wunschwelten
Abschied nehmen, weil Jahre der Einschränkungen vor uns liegen
Es
ist außerdem eine glückliche Fügung, dass es zwei Linksparteien
sind, die die unvermeidlichen sozialpolitischen Beschränkungen
einleiten. Stünde die jetzige Opposition vor derselben Aufgabe,
müsste man mit weitaus größeren Empörungen rechnen
als heutzutage.
Allerdings
hält sich die Bereitschaft der Sozialdemokraten in Grenzen, die
Wirklichkeit, nämlich die desolate Lage der Staatsfinanzen, in
vollem Umfang zu erkennen und aus dieser Einsicht schmerzhafte Konsequenzen
zu ziehen. Warum? Seit ihrer Gründung stand die SPD für eine
aktive Sozialpolitik, war bemüht, die Lage der arbeitenden Klasse
zu verbessern. Sie hatte dabei, zumal nach 1948, deshalb jahrzehntelang
Erfolg, weil auch die anderen Parteien, im Zeichen des Wirtschaftswunders,
ihrerseits mehr und mehr wohlfahrtsstaatlich dachten und handelten.
Man sprach von einem „sozialdemokratischen“ Jahrhundert“.
Die Zielvorstellungen der Sozialdemokraten wurden Allgemeingut.
Über
ein halbes Jahrhundert hat die deutsche Politik die Zustimmung der Bürger
mit Wohltaten erkauft, mit wachsenden Sozialleistungen. Die Reformen,
die man ins Werk setzte, machten es den Wählern leicht, die Demokratie
zu bejahen, ihre Zustimmung mit der Stimmabgabe zu beweisen.
Von
da an geht es, zumindest für eine Reihe von Jahren, um Zumutungen
statt Zuteilungen. Angesichts einer stagnierenden Wirtschaft, wachsender
Arbeitslosigkeit, sinkender Steuereinnahmen und steigender Sozialhilfe
geht es nicht länger um Verheißungen, sondern um die nüchterne
Konsolidierung des maroden Staates. Eine solche unausweichliche Rettungsaktion
kann kaum auf Enthusiasmus rechnen. Visionen müssen her.
Der
Bochumer Parteitag Ende November machte deutlich, dass die Basis der
SPS den Beginn der Konsolidierung, die Agenda 2010, nur maulend mitträgt.
Es gehört wenig Prophetengabe dazu, um vorauszusagen, dass es kaum
möglich sein wird, sozialdemokratischen Abgeordneten, Funktionären,
Mitgliedern und Wählern weitere Einschränkungen plausibel
zu machen. Selbst wenn es er der rot-grünen Bundesregierung gelingen
sollte, den Kern ihrer weichgespülten Konsolidierungsgesetze der
Agenda 2010 durch den Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat
zu retten, ohne der Opposition allzu weitgehende Zugeständnisse
machen zu müssen, wird die Bereitschaft der SPD gering sein, auf
dem eingeschlagenen Weg weiter voranzuschreiten, obwohl das nach Lage
der Dinge erforderlich wäre. Die Agenda 2010 – was von ihr
geblieben ist – kann nur ein erster Anfang sein. Stattdessen werden
die Sozialdemokraten nach den Weihnachtstagen erschöpft in sich
zusammensacken.
Wie
kann es weitergehen, wenn es bei den Sozialdemokraten hakt, was zu vermuten
ist? Wird Schröder zurücktreten, Clement ihn ersetzen? Beides
ist unwahrscheinlich, obwohl der Kanzler beängstigend oft in den
letzten Wochen mit Rücktritt gedroht hat, um die eigenen Leute
zu disziplinieren. Diesen Druck kann er nicht unbegrenzt aufrechterhalten.
Scheitert er, wird ihn der Wirtschaftsminister aber kaum ersetzen können,
da Clement in seiner Partei unpopulärer ist als Schröder.
Wenn der kleine Gruppe der Linken Schröder in die Knie zwingen
kann, wird sie auch stark genug sein, den weit weniger beliebten Clement
zu verhindern. Andererseits spricht vieles dafür, dass die rot-grüne
Regierung nicht aufgeben wird, sondern mit zusammengebissenen Zähnen
in den Sesseln der Macht aushält, bis sie eines Tages ins Freie
getragen werden muss. Rot-Grün wird nicht von sich aus die Macht
fahren lassen.
Gibt
es Chancen für eine große Koalition? Die von 1966/69 war
vermutlich die tüchtigste Regierung, die wir je hatten. Aber das
lag am außergewöhnlichen Spitzenpersonal jener Jahre, das
auf beiden Seiten eine Reihe ausgezeichnete Männer versammelte,
man denke an die Sozialdemokraten Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert
Wehner, Gustav Heinemann und vor allem Karl Schiller, dem die SPD den
Wahlsieg 1969 verdankte. Heute ist das personelle Angebot in beiden
Lagern eher bescheiden. Der Wille und die Fähigkeit zu gemeinsamer
Führung wären angesichts der heute viel gewaltigeren Probleme
nicht ausreichend groß. Außerdem fiele negativ ins Gewicht,
dass die sozialpolitischen Besitzstandwahrer bei SPD und Union gemeinsam
eine weit größere Bremswirkung erzielen könnten, als
wenn sie getrennt blieben.
Es
spricht also viel für die Fortsetzung der Stagnation im Jahre 2004
so unerfreulich die Aussicht ist. Aber vielleicht tröstet es unsere
Leser, dass ich Historiker bin nicht Futurologe. Vielleicht werden wir
positiv überrascht.
HÖRZU
- 12.12.2003
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