für
Kurt Scheel, Redaktion Merkur 21.
Dezember 2004
von Arnulf Baring
Unser Fundament bleiben die USA
Die USA bleiben unser Fundament von Sicherheit und Einfluss in der Welt
Wer junge Landsleute fragt, woran das Deutsche Reich 1945 gescheitert
sei, bekommt regelmäßig die Antwort: an Hitlers Verbrechen.
Das ist falsch. Zwar hat der Führer uns durch seine Massenmorde
dauerhaft diskreditiert. Aber er wäre auch dann gescheitert, wenn
er keinem Juden, Polen, Russen ein Haar gekrümmt hätte. Das
Reich ging zu Grunde, weil es von Bismarck bis Hitler von der fixen
Idee besessen war, es müsse eine völlig eigenständige,
unabhängige Großmacht sein. Dieser Entschluss verhinderte,
dass man sich an einen mächtigeren Verbündeten anlehnte, ihm
notfalls nachordnete.
Wo hätte sich Deutschland damals anlehnen sollen? Man hat gesagt,
das Deutsche Reich von 1871 sei eingekreist geboren worden. Warum?
Frankreich war von Anfang an ein Gegner des in Versailles proklamierten
Kaiserreichs. Nicht allein wegen der schweren Niederlage im deutsch-französischen
Krieg, der die Einigung Deutschlands möglich gemacht hatte, und
auch wesentlich nicht wegen der schmerzlichen Abtretung von Elsass und
Lothringen an die Deutschen. Entscheidend für die französische
Feindschaft war, dass Frankreich durch Bismarck aus der Vormachtrolle
verdrängt wurde, die es unter Kaiser Napoleon III noch einmal inne
zu haben glaubte.
Mit Russland, ohne dessen Rückendeckung die Einigung Deutschlands
unmöglich gewesen wäre, entwickelte sich der Gegensatz erst
im Laufe der Zeit, und zwar vor allem deshalb, weil Russland ähnlich
wie Österreich-Ungarn auf dem Balkan das sieche ottomanische Empire
zu beerben gedachte. Mit beiden Staaten war das Reich verbündet.
Russland war nach 1878 latent verdrossen, weil es sich durch den Berliner
Kongress um die Früchte seines Sieges über die Türken
im Friedensvertrag von San Stefano gebracht glaubte. Gleichzeitig lud
es sich in jenen Jahren nationalistisch und panslawistisch auf. Vier
Jahre nach Bismarcks Entlassung kam es 1894 zum Zweibund zwischen Russland
und Frankreich, damit von nun an für Deutschland zur Gefahr eines
Zweifrontenkrieges.
In dieser Lage wäre, um der latenten Bedrohung im Falle des Falles
standhalten zu können, der einzig richtige Ausweg ein Bündnis
mit der damaligen einzigen Weltmacht, dem britischen Empire, gewesen.
Berlin unternahm auch einige halbherzige Versuche in dieser Richtung,
mit denen man aber nicht weit kam, weil London eher kühl reagierte.
Man sah an der Themse nicht recht, welchen Nutzen ein Bündnis mit
den Deutschen für Großbritannien habe. Aber das Reich hätte
sich geduldig um eine Verständigung bemühen müssen. Da
man jenseits des Kanals immer einen Kontinentalblock fürchtet –
etwa die Wiederkehr der für die Briten bedrohlichen Situation,
als Napoleon Europa beherrschte –, hätten sich die Engländer
vermutlich im Falle eines französisch-russischen Angriffs auf Deutschland
an unsere Seite gestellt. Weil das wilhelminische Deutschland jedoch
koloniale Ambitionen hatte und seine Zukunft nicht nur, wie bisher,
in einem mächtigen Heer, sondern auch in einer imposanten Flotte
sah, trat Großbritannien mehr und mehr an die Seite Frankreichs.
1904 kam es zur Entente Cordiale. Damit formierte sich eine Koalition
zwischen London, Paris und dann auch St. Petersburg.
Gegenüber diesen drei Verbündeten hatte Deutschland nur Österreich-Ungarn
sowie das Osmanische Reich auf seiner Seite – Vielvölkerstaaten,
die von Nationalitätenkonflikten unterminiert wurden. Damit war
der Kampf schon verloren, ehe er begonnen hatte, zumal sich bald abzeichnete,
dass auch die junge Großmacht der Vereinigten Staaten auf Seiten
der Entente eingreifen, gegen Deutschland Krieg führen würde.
Die Konstellation des Ersten (1914 – 1918) hat die des Zweiten
Weltkriegs (1939 – 1945) vorweg genommen. Zwar konnte diesmal
Frankreich zunächst besiegt werden, und Großbritannien hatte
weit weniger Gewicht als ein Vierteljahrhundert früher. Aber die
Vereinigten Staaten waren inzwischen zu einer gewaltigen Macht geworden.
Deutschland, auch wenn es sich nunmehr „Großdeutsches Reich“
nannte, konnte ihr auf Dauer nichts entgegensetzen.
Wenn wir Deutschen uns mit Außenpolitik, mit den internationalen
Beziehungen beschäftigen – und das sollten wir tun, weil
wir in der Mitte Europas immer in einer schwierigen, einer exponierten
Lage sind, bei der sich alle Machtverschiebungen auf dem Kontinent unmittelbar
auf uns auswirken - , dann müssen wir eine einzige Mahnung immer
beherzigen. Wir dürfen nie aus dem Auge verlieren, dass Deutschland
nicht noch einmal in die Isolierung geraten darf. Deutschland muss sich
an eine Macht anlehnen, die stärker ist als wir selber. Denn wenn
sie, wie etwa Frankreich, schwächer ist als wir, wird sie uns nicht
die erforderliche Sicherheit, den unerlässlichen Schutz in Krisenzeiten
geben können. An Russland wird kein ernsthafter Mensch als Schutzmacht
denken – vom fernen China ganz zu schweigen. Es gibt bei ruhiger,
sachlicher Analyse zum Bündnis mit den Vereinigten Staaten einfach
keine Alternative.
Die politische Nähe der USA war nach 1945 das wichtigste Element
unserer Beruhigung. Wir fühlten uns in ihrer neuen atlantischen
Schutzzone geborgen, einbezogen in ihre Einflusssphäre, behütet
vom amerikanischen Bündnissystem. Die Bundesdeutschen wurden, was
Deutsche nie gewesen waren: eingebettet in Nato und EU, also in zwei
Allianzen, umringt von neuen Freunden, kleine Brüder an der Hand
des einen Großen. Was auch immer die Fehler und Schwächen
des europäisch-atlantischen Bündnissystems gewesen sein mögen,
es schuf eine psychische Realität, ein neues Lebensgefühl:
die Westverankerung.
Man beschreibt heute die fördernde Rolle der USA in den ersten
Jahrzehnten der Bundesrepublik oft als Vater/Kind-Beziehung oder auch
Adoptionsverhältnis. Die Schlussfolgerung lautet dann, dass Deutschland
dergleichen loswerden, abwerfen müsse, weil wir erwachsen geworden
seien, unsere Emanzipation überfällig werde. Solche Forderungen
beruhen aber auf der irrigen Gleichsetzung des unerlässlichen Lösungsprozesses
zwischen Kindern und Eltern mit dem ganz anders gearteten, nämlich
auf Stabilität angelegten Verhältnis zwischen verbündeten
Staaten. Hier geht es wesentlich nicht um Gefühle, deren Entwicklung
und Wandlung, sondern um gemeinsame Interessen der beteiligten Länder,
ihren Schutz in verlässlichen Allianzen. Diese Beziehungen müssen,
sollen sie taugen, für beide Seiten berechenbar bleiben und dauerhaft
sein.
Ein anderer Denkfehler liegt der hübschen, aber leider leichtfertig
formulierten Formel zugrunde: wir seien nicht antiamerikanisch, sondern
nur unamerikanisch. Hier wird eine - angeblich notwendige - politische
Distanzierung aus kulturellen Unterschieden der beiden Völker abgeleitet.
Nun wird niemand bestreiten, dass es Verschiedenheiten gibt, obwohl
sie zwischen Deutschen und Amerikanern erstaunlich gering sind, kleiner
als zwischen fast allen anderen westlichen Völkern. Wir sind den
Amerikanern vermutlich heute ähnlicher als vielen europäischen
Nachbarn. Aber wie auch immer: für die Frage, ob das Bündnis
auch künftig erforderlich, ja vielleicht für uns lebensnotwendig
ist, geben Besonderheiten deutscher oder europäischer Kultur nichts
her. Wer anderer Meinung ist, also deutsche und europäische kulturelle
Eigenständigkeiten betont, wie das Derrida und Habermas getan haben,
lässt die für Deutschland schon vor mehr als hundert Jahren
charakteristische Verwechslung von Geist und Macht wieder aufleben und
will damit sagen, unsere (angeblich höherwertige) Kultur könne
die (uns fehlende) Macht ersetzen. Wer so argumentiert, bejaht erneut
unseren Weg in die Isolation.
Trotz immer wieder hörbaren, halblauten linken Gemaules blieb das
Bild der Bundesrepublik in den Vereinigten Staaten über Jahrzehnte
hinweg positiv, das Vertrauen Washingtons in die Berechenbarkeit und
Verlässlichkeit Bonns groß. Nur so lässt sich der Mainzer
Vorschlag des amerikanischen Präsidenten George Bush, Vater des
jetzigen Präsidenten, vom Mai 1989 erklären, Deutschland solle
für die USA in Europa eine herausgehobene Rolle spielen, nämlich
ein „Partner in Leadership“ sein.
Diese erwartungsvolle Einstellung uns gegenüber erklärt die
unbeirrbar zielstrebige, dabei umsichtige Politik der USA 1989/90, der
die Wiedervereinigung entscheidend zu verdanken ist. Paris wollte sie
nicht, London lehnte sie glatt ab, von Moskau ganz zu schweigen. Es
lag allein an Washington, wenn sie zustande kam. Insofern war die Wiedervereinigung
eine Stunde der Wahrheit, die wir nie vergessen dürfen. Es ist
nicht nur undankbar, sondern töricht (weil es unsere wahre Lage
in Europa verschleiert), wenn wir diese fundamental wichtige Erfahrung
jenes Jahres in den Wind schlagen.
Inzwischen finden uns die Amerikaner zunehmend uninteressant. Wir unsererseits
zeigen den Vereinigten Staaten achselzuckend die kalte Schulter –
als ob wir uns das leisten könnten. Obwohl wir doch nach wie vor
viele Wertvorstellungen teilen, gemeinsam an der Verteidigung gegen
alte und neue Bedrohungen interessiert sein sollten, hat der Vorrat
an Gemeinsamkeiten ohne den bedrängenden Gegner hinter dem Eisernen
Vorhang stark abgenommen. Die amerikanische Solidarität ist einer
wachsenden Gleichgültigkeit gegenüber Deutschland gewichen,
und umgekehrt.
Seit der Irak-Krise haben wir offenbar weithin völlig vergessen,
dass die USA für uns nach wie vor unentbehrlich bleiben. Wer statt
der Vereinigten Staaten, ja gegen die USA, seine Hoffnungen auf die
UNO setzt, ja die Weltorganisation zum Gegengewicht der Amerikaner machen
möchte, verkennt völlig die heutigen internationalen Machtrealitäten.
Ohne die aktive Beteiligung der einzigen wirklichen Großmacht
sind die Vereinten Nationen nur ein kraftloser Torso, obendrein immer
wieder der inneren Aushöhlung nahe. Wie hat nur Berlin je glauben
können, es werde ohne, ja gegen die USA einen ständigen Sitz
im Weltsicherheitsrat ergattern? Die deutsche Hoffnung auf eine multipolare,
stabile Weltordnung ohne eine maßgebliche Rolle der Vereinigten
Staaten ist weltfremd, ist träumerisch.
Ähnlich trügerisch bleibt in den aktuellen deutsch-amerikanischen
Verständigungsschwierigkeiten unser Hinweis auf ein angeblich verbindliches
Völkerrecht. Denn seit dem 11. September 2001 fehlt überall
eine verlässliche Vorstellung, wie denn dieser ganz neuartigen,
schwer fassbaren Bedrohung durch unsichtbare Gegner rechtlich und tatsächlich
beizukommen sein könnte. Das herkömmliche Völkerrecht
sagt dazu natürlich nichts. Auch die europäischen Kritiker
des einseitigen Vorgehens der USA haben bisher nur ratlose Redensarten
zu bieten. Wer die Vereinigten Staaten wegen ihrer Neigung zu eigenmächtigem
Vorgehen kritisiert, sollte aber imstande sein, klar und deutlich zu
sagen, wie denn anders wirksam der höchst realen terroristischen
Herausforderung begegnet werden kann. Bisher sind solche praktikablen
Gegenvorstellungen der Europäer jedoch nicht bekannt geworden.
Von der unkalkulierbaren, terroristischen Plage ganz abgesehen, bleibt
bei traditionellen europäischen Regionalkonflikten die Tatkraft
der Vereinigten Staaten unentbehrlich. Selbst mit den noch ziemlich
konventionellen Balkankrisen der neunziger Jahre sind die Europäer
von sich aus nicht zurande gekommen. Ohne die USA hätte sich das
auseinanderbrechende Jugoslawien zu einer noch ungleich größeren
Katastrophe ausgewachsen. Für die Deutschen war die Entwicklung
dort frühzeitig eine große, ärgerliche Überraschung.
Sie glaubten einerseits, sie sähen die krisenhafte Zuspitzung in
Jugoslawien deutlicher als ihre Verbündeten (womit sie recht hatten).
Andererseits wunderten sie sich. Offensichtlich wirkten in Paris und
London, in Moskau sowieso, die Erinnerungen an die gemeinsamen Kriegsbündnisse
mit den Serben weitaus stärker als die aktuellen Beobachtungen
und Argumente der Deutschen. Die alte Verbindung der beiden Westmächte
mit diesem Teil des Balkans wog deutlich stärker als die Bundesgenossenschaft
mit den Deutschen, obwohl die beiden Westmächte doch mit ihnen
inzwischen fast ein halbes Jahrhundert lang in gemeinsamen Bündnissen
zusammenarbeiteten, also ihnen hätten glauben sollen, ihrem Urteil
hätten vertrauen können. Die Deutschen erschraken. Sie erlebten
die Rückkehr der Situation von 1914, von der sie fest geglaubt
hatten, sie gehöre inzwischen längst ein für alle Mal
der Vergangenheit an. Deutschland stand wieder innerhalb Europas allein.
Der Bann löste sich erst, als die USA ihre zunächst lange
abwiegelnde Position veränderten. Sie erkannten, dass ein Festhalten
an der Einheit Jugoslawiens zum Scheitern verurteilt war, und mussten
darüber hinaus feststellen, ohne ihr aktives Eingreifen werde es
keine Lösung der verschiedenen Regionalkonflikte geben, die wegen
der nationalistischen, gewaltbereiten Entschlossenheit der Serben, ihr
Gebiet zu erweitern und „zu säubern“, immer mehr um
sich griffen. Mit dieser Umorientierung Washingtons waren die Deutschen
gerettet, aus ihrer Isolation befreit.
Die – zumindest zeitweilige – Befriedung von Bosnien-Herzegowina,
dann des Kosovo war wesentlich den Vereinigten Staaten zu verdanken.
Aber auch die Deutschen spielten eine bedeutsame Rolle, nicht nur in
den beiden genannten Konfliktgebieten, sondern später auch in Mazedonien.
Dabei hat sich die seit 1998 amtierende rotgrüne Koalition besondere
Verdienste erworben. Hätte sich die Vorgängerregierung Kohl
hier – wie dann auch später in Afghanistan – vergleichbar
stark engagiert, wäre es vermutlich zu heftigen Protesten der deutschen
Linken gekommen. Gegenüber der eigenen Führung hielt sie stille.
Als im Sommer 2002, weil man mit einer Niederlage dieser Koalition rechnete,
verschiedene Medien fragten, was von Rotgrün bleiben werde, lobten
Kommentatoren besonders die Außenpolitik der neuen Regierung.
Schröder und Fischer, hieß es allgemein anerkennend, sei
in der Außen- und Sicherheitspolitik eine Normalisierung des deutschen
Auftretens zu verdanken.
Bei dieser positiven Einschätzung spielte eine wesentliche Rolle,
dass der Bundeskanzler nach dem 11. September 2001 den Vereinigten Staaten
„uneingeschränkte Solidarität“ zugesichert hatte.
Das war, wie immer wieder bei ihm, eine spontane Geste. In der Stunde
des Schocks, dass die USA nicht mehr unverwundbar waren, Terroristen
vieltausendfachen Tod in Zentren amerikanischen Selbstvertrauens schicken
konnten, war es für ihn selbstverständlich, fest an der Seite
der Verbündeten zu erscheinen. Es sah damals so aus, als sei er
sich der entscheidenden Bedeutung Amerikas für uns voll bewusst.
Dieser Eindruck hielt sich monatelang. Als es um die Entsendung deutscher
Soldaten nach Afghanistan ging und die Bundestagsmehrheit widerstrebte,
machte Schröder sein politisches Überleben von einer positiven
Entscheidung abhängig – und setzte sich durch.
Doch im Spätsommer 2002 änderte sich das Bild, und zwar drastisch.
Der Kanzler liebt zwar deutliche Worte und weiß sie auch wirkungsvoll
vorzutragen. Aber da er keine festen, unverrückbaren Überzeugungen
und Grundsätze hat, kann man auf ihn nicht bauen, keinen seiner
Merksprüche festnageln. Als eine Niederlage bei der anstehenden
Bundestagswahl vom 22. September wahrscheinlich wurde, entschloss sich
Schröder abrupt (obwohl die Flutkatastrophe an der Elbe schon eine
gewisse Entlastung gebracht hatte), am 3. August seine proamerikanische
Solidarität in Frage zu stellen. „Wir sind zur Solidarität
bereit“, sagte er, obwohl das nun nichts mehr bedeutete. „Aber
dieses Land wird unter meiner Führung für Abenteuer nicht
zur Verfügung stehen.“
Selbstverständlich ist Deutschland für Abenteuer nicht zu
haben. Aber darum ging es gar nicht. Der deutsche Regierungschef hatte
dem amerikanischen Präsidenten bei dessen Berlin-Besuch im Mai
2002 zugesichert (und das bei einem späteren Telefongespräch
wiederholt), Deutschland habe Verständnis, wenn die USA Aktionen
gegen Saddam Hussein für notwendig hielten. Man werde nichts dagegen
sagen, schon gar nicht im Wahlkampf. George W. Bush hielt das für
eine Zusage, deutscherseits stille zu halten. Die Amerikaner glaubten,
der Kanzler werde sich durch das gegebene Wort gebunden fühlen.
Da hatten sie sich jedoch getäuscht.
Bei ihren Planungen für den künftigen Irak-Krieg war den Amerikanern
von Anfang an klar, dass eine aktive Beteiligung Deutschlands schon
deshalb ausgeschlossen war, weil Deutschland für solche Einsätze
keine verfügbaren Truppen hatte. Der größte Teil der
Bundeswehr ist immer noch für die Verteidigung Mitteleuropas bestimmt
und kommt für Auslandseinsätze aus mehreren Gründen nicht
in Betracht. Was an Soldaten verfügbar ist, steht auf dem Balkan
und in Afghanistan. Insofern erweckte der Kanzler von vornherein einen
falschen Eindruck, als er vorgab, auch wir stünden am Vorabend
eines Krieges, bei dem deutsche Verbände einem zweifelhaften Vorhaben
geopfert würden - was die Bevölkerung in Angst und Schrecken
versetzte.
Wenn es nicht um Krieg und Frieden geht, verbietet es sich immer, dass
eine Regierung aus wahltaktischen, also innenpolitischen Erwägungen
außenpolitisch Streit anfängt, um damit die eigenen Chancen
zu verbessern, das politische Überleben zu sichern. Das gilt natürlich
besonders dann, wenn der angebliche Kontrahent unser wichtigster Verbündeter
ist.
Wer großherziges Verständnis für die Wahlkampfnöte
der Koalition aufbrachte, konnte bis zum 22. September 2002 ihre Entgleisungen
zwar unschön, aber doch irgendwie verständlich nennen. Schließlich
war zu hoffen, nach der Wahl werde sich das Verhältnis zu Washington
irgendwie einrenken. Vermutlich teilte der Kanzler diese Auffassung.
Er nahm offenbar an, wenn er Bush seine Zwangslage im Wahlkampf erkläre,
mit Schulterklopfen und Händeschütteln, werde das gestörte
Vertrauensverhältnis rasch wieder in Ordnung kommen.
Solche Hoffnungen trogen von Anfang an. Berlin verkannte, wie sehr Schröders
Wortbruch das persönliche Vertrauensverhältnis erschüttert
hatte, zumal bis in die unmittelbare Gegenwart hinein eine lange rotgrüne
Reihe amerikakritischer Äußerungen folgten, die kränken
musste. Das galt besonders für den (historisch völlig abwegigen)
Vergleich Bushs jun. mit Hitler. Es gilt aber erst Recht, wenn man die
Unterstützung und den Rückhalt bedenkt, den uns die Amerikaner
über mehr als ein halbes Jahrhundert gewährt haben. Es waren
wesentlich sie, die uns von Hitler befreiten. Sie haben während
der Blockade 1948/49 das Überleben der Freiheit in Berlin gesichert,
haben Westdeutschland über Jahrzehnte hinweg die Russen vom Leibe
gehalten, durch ihre Präsenz in Europa uns und anderen Völkern
einen geradezu märchenhaften materiellen Wohlstand ermöglicht,
schließlich umsichtig die deutsche Wiedervereinigung zustande
gebracht. Angesichts einer derart eindrucksvollen Erfolgsgeschichte
empfand man es nicht nur in Washington, sondern in großen Teilen
der amerikanischen Bevölkerung als groben Undank, wegen unterschiedlicher
Einschätzungen der Gefährlichkeit Saddam Husseins öffentlich
lächerlich gemacht zu werden.
Man muss nicht, wenn man die Amerikaner für unseren wichtigsten
Rückhalt, für die Garantie unserer Freiheit, Sicherheit und
Gestaltungskraft hält, alles an ihnen großartig und bewundernswert
finden. Niemand muss New York oder Hollywood lieben, niemand Jeans tragen
oder Coca-Cola trinken. Es ist auch zuzugeben, dass der Umgang mit Vertretern
einer Weltmacht gelegentlich mühsam ist; Amerikaner sprechen selbst
mitunter kritisch von der Arroganz ihrer Macht. Andererseits wachsen
auch in Washington die Bäume nicht in den Himmel; Befriedungserfolge
in Afghanistan, vor allem im Irak lassen auf sich warten. Wer gefürchtet
hat, künftig werde eine imperiale Weltmacht als „Neues Rom“
Jahrhunderte lang die ganze Erde unterjochen, kann inzwischen erleichtert
aufatmen. In Kabul, und erst recht in Bagdad, zeigen sich die engen
Grenzen amerikanischen Einflusses. Weil das so ist, muss uns alles daran
gelegen sein, einen privilegierten Platz in Washington zu behalten.
Gerade wegen offensichtlich beschränkter amerikanischer Möglichkeiten
dürfen wir nie vergessen, was Deutschland seit 1947 an den USA
immer hatte und hat, dürfen keine Minute glauben, die sicherheitspolitische
Stabilität in Europa sei ein naturwüchsiger Zustand, der sich
von ganz allein in der Balance halte. Wenn wir wirklich das Wohlwollen
der USA dauerhaft verspielen, werden wir uns noch wundern, wie die alten
Gefahren der Isolierung und Selbstisolierung erneut über uns kommen.
Die Europäische Union ist keine belastbare Versicherung gegen künftiges
Unheil. Dieser ökonomische Zweckverband wird vermutlich nie ein
Staatenbund werden, schon gar kein Bundesstaat. Falls sogar die Türkei
- und dann natürlich auch Israel - EU-Mitglieder werden, kann dieses
zunehmend heterogene Gebilde kaum mehr als eine große Freihandelszone
sein – allerseits nützlich, aber kein Ersatz für altmodische
Allianzen weiterhin (halb-)souveräner Nationalstaaten.
Ohne Not hat Schröder unsere jahrzehntelang bewährte Balance
zwischen Washington einerseits, Paris andererseits aufgekündigt
und sich in eine einseitige Abhängigkeit von Frankreich begeben,
obwohl Alfred Grosser schon vor langer Zeit hellsichtig schrieb, eine
Abhängigkeit von Frankreich werde für die Deutschen weniger
Schutz bedeuten, als sie von den USA erwarten könnten. Paris werde
ihnen keine wirkliche Mitbestimmung bei zentralen außenpolitischen
Entscheidungen einräumen. Inzwischen frohlockt die französische
Führung hohnlachend, dass man sich ohne irgendeine Gegenleistung
die unbedingte Gefolgschaft Berlins gesichert hat.
Überhaupt hat die deutsche Außenpolitik durch das Kappen
der transatlantischen Seile nur scheinbar an Bewegungsfreiheit gewonnen.
Denn was sind Berlins neue Optionen? Ein kurzsichtiger, kenntnisarmer,
daher unsolider und verantwortungsloser Opportunismus ist an die Stelle
ruhigen Kalküls, langfristiger strategischer Planungen getreten.
Unsere Nibelungentreue gegenüber Frankreich ist schon problematisch
genug. Das gilt natürlich erst recht, wenn man die Achse Paris-Berlin
nach Moskau und sogar Peking verlängert. Es ist sträflich,
wenn der Kanzler den Eindruck erweckt, vielleicht sogar wirklich glaubt,
Putin sei ein persönlicher Freund und damit ein respektabler Partner
Deutschlands. Will Schröder wirklich die neoimperiale Zielstrebigkeit
des Kreml schönreden? Man muss an Gerhards Urteilsvermögen
zweifeln, wenn er seinen Wladimir einen „lupenreinen Demokraten“
nennt, und das im Zusammenhang mit der ukrainischen Präsidentenwahl,
die Putin als typischer Geheimdienstmann mit kriminellen Methoden aus
KGB-Zeiten zu seinen Gunsten zu beeinflussen versuchte. Darf Schröder
immer weiter die Leiden des gequälten tschetschenischen Volkes
vergessen? Kann er tatsachenblind die vielen dubiosen Machenschaften
leugnen, mit denen sich Putin innenpolitischer Widersacher entledigt,
Macht immer mehr konzentriert, riesige Vermögen durch Scheingeschäfte
unter seine Botmäßigkeit bringt?
Es ist weit mit uns gekommen. Während Schröder, ermuntert
durch verblendete Landsleute, gegenüber George W. Bush eine distanzierte
Kälte, eine kaum verhüllte Feindseligkeit erkennen lässt,
liegt er Wladimir Putin strahlend in den Armen, rechtfertigt plump eine
höchst dubiose Realpolitik.
Unser armes Deutschland hat inzwischen wegen der rotgrünen Dilettanten
international gewaltig an Gewicht verloren. Schröders und Fischers
Worte gelten in den meisten fremden Hauptstädten nur noch wenig.
Wer in den letzten beiden Jahren durch Ostmitteleuropa reiste, konnte
den enormen Einflussverlust Deutschlands, ja das neue Misstrauen wegen
der neuen deutsch-russischen Herzlichkeit geradezu körperlich spüren.
Hat man in Berlin wirklich vergessen, was deutsch-russisches Zusammenwirken
in vergangenen Jahrhunderten bis hin zum Hitler-Stalin-Pakt für
die Völker Ostmitteleuropas bedeutete? Will man nicht mehr wahrhaben,
welche millionenfachen Schandtaten die Folge waren? Glaubt man im Ernst,
diese Erinnerungen seien nirgendwo mehr lebendig? Waren Regierungen
der Bundesrepublik früher als europäische Brücke nach
Washington umworbene und geschätzte Gesprächspartner, ist
Berlin inzwischen zur quantité négligeable, zu einer kraftlosen
Belanglosigkeit geworden, an der man achtlos, ja verächtlich vorübergehen
kann.
Vor allem sind wir auf dem besten Wege, das Bündnis mit den Vereinigten
Staaten dauerhaft zu zerrütten - und uns zugleich im seriösen
Europa zu isolieren. Denn die Mehrheit der EU-Partner teilt unsere amerikakritische
Haltung nicht. Im SPD-Parteivorstand wie in der Bundestagsfraktion hat
der Regierungschef mehrfach erkennen lassen, er halte es für seine
Aufgabe, ja eine Pflicht, die hegemoniale Vormachtstellung der USA zu
verhindern; Deutschland müsse auf eine neue, ausgewogenere Weltordnung
hinwirken.
Da möchte man laut lachen, wenn die Sache nicht so traurig, so
gefährlich wäre. Jedes Kind weiß, dass wir weniger denn
je irgendeine Aussicht haben, die Macht der USA konfrontativ zu beschränken.
Aber die Macht, Deutschland zu isolieren und damit ins Unglück
zu stürzen, ist uns geblieben.
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