| Tag
der Heimat
Professor Arnulf Baring hat auf dem "Tag der Heimat" in Berlin
eine sehr wichtige Rede gehalten. Bundeskanzler Gerhard Schröder
und BdV-Präsidentin Erika Steinbach waren anwesend. Wir dokumentieren
hier diese Rede des Professor Barings:
"Der polnische Schriftsteller und Publizist Andrzej Szczypiorski,
den ich, wie vermutlich auch andere unter uns, sehr geschätzt habe
(er starb vor einigen Monaten, Mitte Mai), schrieb Anfang dieses Jahres
im Berliner "Tagesspiegel': Viel, befürchtete er, werde ihm
vom neuen, dem 21. Jahrhundert, nicht mehr bleiben. Deshalb, fuhr er
wörtlich fort, "habe ich wenig Lust, mich von dem zu Ende
gehenden zu trennen. Es war weder süß noch gut zu mir, aber
alles, was mich ausmacht und was ich geschaffen habe, gehört zu
ihm, Auch meine Erinnerungen. Ohne die Erinnerungen existieren wir nicht
mehr. Deshalb bleibe ich im vorigen Jahrhundert zurück. Dort sind
meine Lieben, meine Leiden, meine Freuden und Enttäuschungen!"
Viele von ihnen, von uns werden, zumal an diesem Tage, ähnlich
empfinden wie er und ich. Der "Tag der Heimat" ist ein Tag
der Erinnerung - je älter wir werden, desto mehr. Alle die wir
hier versammelt sind, sind wesentlich von diesem fürchterlichen,
auf weite Strecken entmenschten 20. Jahrhundert geprägt worden.
Insofern erleben wir alle den Beginn des 21. Jahrhunderts mit der schüchternen
Hoffnung, dass es für uns, aber vor allem für unsere Kinder
und Enkel, in allen Völkern, ein friedliches, freundliches Jahrhundert
werden möge. Sicher ist das ja nicht.
Der Blick zurück auf das 20. Jahrhundert ist ein Blick der Trauer.
Wie viele Millionen Menschen vieler europäischer Völker sind
im 20. Jahrhundert aus ihrer Heimat vertrieben worden. Wenn wir nur
an das eine Jahrzehnt nach Kriegsbeginn 1939 denken sind es allein in
unserem Europa zwischen 1939 und1943 fünfzehn Millionen, zwischen
1944 und 1948 31 Millionen, also insgesamt an die fünfzig Millionen,
die ihre Heimat zwangsweise verlassen mussten. Von uns Deutschen waren
es fünfzehn Millionen, also so viele Menschen, wie heute in Skandinavien
- und zwar in Dänemark, Finnland, Island und Norwegen - leben.
Schwerer als der anhaltende Schmerz über die Vertreibungen wiegt
natürlich die Trauer um die Toten - alle Toten. Man muss sich in
solchen Augenblicken, um den richtigen Ton zu finden, immer der Tatsache
bewusst sein, dass uns alle Toten zuhören. Wie viele, viele
unvorstellbar viele Millionen Menschen sind allein in Europa im 20.
Jahrhundert nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern -
zum Teil bestialisch - hingemordet worden!
Als Deutsche trauern wir in erster Linie um die eigenen Toten, oder
wir sollten doch um sie trauern: Frauen, Kinder, Greise. Frauen, die
oft viele Jahre lang als kostenlose Arbeitskräfte, völlig
rechtlose Zwangsarbeiter, festgehalten wurden. Nach Sibirien verschleppte
Frauen, von denen so viele nicht zurückgekommen sind. Alle die
Menschen, für die die "Stunde Null" nie aufgehört
hat, nie zu Ende war. Es gibt zwar ab und an immer noch einzelne Stimmen,
die uns die Trauer um deutsche Opfer mit der Begründung ausreden
wollen: weil Hitler den Krieg begonnen habe, wir zur Nation der Täter
gehörten, sei uns diese Trauer untersagt. Ich halte das für
abwegig. Trauer um Tote - zumal um alle die, die vor der Zeit hingemordet,
um ihr Leben gebracht wurden - ist ein elementares menschliches Bedürfnis.
Es ist gut und richtig, wenn ehemalige Angehörige der Wehrmacht,
soweit sie noch leben, bei der Schilderung eigener Untaten Scham bekennen.
Es ist nicht unsere Sache, sondern die der Russen, mit der Tatsache
fertig zu werden, dass man bei Stalins Tätern häufig vergebens
nach Anzeichen von Reue sucht. So lief es Zuschauern doch kalt über
den Rücken, als man kürzlich in der ARD-Sendereihe über
den "Jahrhundertkrieg" zwischen dem Großdeutschen Reich
und der Sowjetunion Suren Mirsojan, der in Stalingrad kämpfte,
von seinem "guten Spaten" erzählen hörte, der deutsche
Schädel gespalten hatte: "Es sah aus", sagte er mit schelmischer
Miene, "wie wenn man eine Tomate zerquetscht und der Saft herausspritzt."
...
Es ist gut, dass wir um die Toten anderer Länder trauern, die dem
Krieg zum Opfer fielen, der von Deutschland ausgegangen war. Aber wir
sollten dabei die eigenen Toten nicht übergehen, sollten ihrer
gedenken, weil sie am meisten vergessen sind und, wenn wir uns nicht
ihrer erinnern, in einer kalten Welt keine anderen Freunde haben.
Ich möchte hier nur ein einziges Beispiel vergessener Opfer nennen.
Wer kennt bei uns, außerhalb des Kreises der Betroffenen, das
Schicksal der Wolfskinder? Natürlich war ihre Not, in vielen Fällen
ihr Tod, wie im Vergleich deutlich wird, anders als Not und Tod der
Anne Frank. Aber das Leiden jener ostpreußischen Waisen müsste
unseren Schulkindern genauso geläufig sein wie der Untergang des
jüdischen Mädchens aus Amsterdam.
Wieso Wolfskinder? Wer war das überhaupt? Zu Wolfskindern wurden
nach 1945 Tausende elternlos gewordener, allein übriggebliebener
ostpreußischer Jungen und Mädchen, im nördlichen, russisch
besetzten Teil dieser Provinz. "Wir hungerten", berichtete
eine Überlebende. "Die Großmutter starb, dann die Tante,
die erst achtzehn war. Dann starb Mama. Es blieben nur die Schwester
und ich. "Ich war dreizehn Jahre", schrieb eine andere, "als
die Mutter starb, und hatte die kleinen Geschwister. Und sie hat gesagt:
Ruth, du bist die Älteste, verlaß die kleinen Geschwister
nicht. Der kleinste Bruder war drei Jahre alt. Der war ausgehungert,
den habe ich immer geschleppt, und dann bin ich betteln gefahren!"
Als ab September 1945 die neue Grenze zu Polen mit Stacheldrahtzäunen
und Todesstreifen hermetisch abgeriegelt worden war, hatten deutsche
Kinder nur dann eine Überlebenschance, wenn es ihnen gelang, irgendwie
nach Norden zu entkommen, um dort Essbares zu erbetteln, auch einen
Unterschlupf. Denn man überlebt als Kind nicht lange einsam in
den Wäldern.
Diese Waisen, die man in Litauen "kleine Deutsche" nannte,
kamen vielfach mit dem Zug in die ihnen bis dahin unbekannte Nachbarregion.
Personenzüge waren selten, außerdem hatte kaum jemand Geld
für Fahrkarten. So versuchten es die Kinder mit Güterzügen,
bei jedem Wetter, auch bei strömendem Regen und schneidender Kälte,
in offenen Waggons, auf Puffern, in Bremserhäuschen. Wurden die
Kinder erwischt, gab es Schläge, ja sie riskierten, rücksichtslos
von den Güterzügen gestoßen zu werden, ungeachtet aller
Folgen. Andere versuchten, auf Brettern über die Memel zu setzen.
Der Fluss ist breit, die Strömung stark. "Was denkst du",
berichtet einer, "wie viele Kinder da ins Wasser gefallen sind.
Das Brett fiel um - das Kind war weg!"
Man mag von Patrick Buchanan, dem amerikanischen Publizisten und zeitweiligen
Präsidentschaftskandidaten, halten, was man will. Aber er hatte
sicher Recht mit dem Satz: "Die Welt weiß alles, was die
Deutschen getan haben; die Welt weiß nichts von dem, was den Deutschen
angetan wurde."
Unser Volk wird erst dann mit sich selbst ins Reine kommen, seine Selbstachtung
und Würde zurückgewinnen, wenn es sich die Trauer auch um
alle eigenen Toten gestattet.
"Tag der Heimat" meint wesentlich nicht den Verlust von Menschen,
Verwandten, Nachbarn, all denen, mit denen man in der Erinnerung die
Vergangenheit aufleben lassen kann, der Tag der Heimat gilt den verlorenen
Kindheits-Räumen. Man hat gesagt, dass Heimat immer das Verlorene,
das Verklärte sei. Heimat ist eine Verlusterfahrung. Erst die Entfernung
öffnet den Blick und das Herz. Weil die Kindheit, wie sie auch
war, den meisten von uns im Rückblick als Paradies erscheint, gilt,
was Marcel Proust gesagt hat: Alle Paradiese seien verlorene Paradiese.
Seit der Romantik leben wir mit dem Bild des Fortgehens in die Ferne
am Beginn des Erwachsenwerdens, mit der Einsamkeit dort und der Rückwendung
zum verlorenen Ursprung in Sehnsucht und Heimweh.
Manche meinen - und wir im Westen, die nicht vertrieben wurden, kennen
diese Erfahrung- daß die Rückkehr in die einst vertraute
Umgebung in späteren Jahren fast immer mit großen Enttäuschungen
verbunden sei: Häuser sind abgerissen, Bäume gefällt,
Straßen verbreitert worden. Neubauten erscheinen uns kalt, Bewohner
fremd. Kein Wunder, denn viele der Menschen, die wir kannten, leben
längst, wie wir auch, an anderen Orten. Die Zerstörung von
Heimat Tag für Tag, Jahr für Jahr, um uns her ist die normale
Erfahrung geworden, und insofern kann man mit Christian Graf Krockow
sagen: "Heimatvertrieben zu sein, das ist unser Schicksal, die
Kehrseite des Fortschritts, der Preis unseres Aufstiegs zum Wohlstand.
Mit der verlorenen Heimat im Osten liegt es freilich anders. Sie ist
weiter weg, mehr verloren als westliche Heimaten. Denn seit mehr als
einem halben Jahrhundert gehört sie zu anderen Staaten, wo man
andere, schwer erlernbare, Sprachen spricht. Es fällt noch schwerer,
von anderen Barrieren ganz abgesehen, sich mit den heutigen Bewohnern
dort zu verständigen, schwerer als mit fremden, eigenen Landsleuten
hier.
Auf der anderen Seite sind Städte und Dörfer im alten Osten
unseres Landes, soweit sie nicht im Krieg vernichtet wurden, in vielen
Fällen viel weniger verändert als im Westen, der wegen des
Wirtschaftswunders einen stürmischen, dynamischen Wandel erlebte.
Viele Orte unserer früheren Ostgebiete, ja ganz Ostmitteleuropas,
sehen noch heute weithin so aus wie, in den Jahrzehnten, lange ist's
her, als wir In den dreißiger, frühen vierziger Jahren Kinder
waren. Wir sind längst erwachsen und wundern uns, wenn wir zurückkehren,
wie geschrumpft, wie kleinräumig die Heimat doch ist. In der Erinnerung
kam sie uns größer vor, weil wir damals kurze Beine, kleine
Schritte hatten und viel länger brauchten von Ecke zu Ecke.
Weil das heutige Erscheinungsbild im Osten oft ganz der eigenen Erinnerung
entspricht, ist das Wiedersehen schmerzlicher als bei Heimatorten im
Westen. Nicht ohne Bitterkeit wird mancher Vertriebene nach 1990 die
Landsleute beneidet haben, die in ihre frühere Heimat, nach Sachsen
und Thüringen, nach Mecklenburg und in die Mark, zurückkehren
konnten, besuchsweise, auch auf Dauer, in zurückgegebene oder auch
neu erworbene Häuser. Denn der Preis für die Wiedervereinigung
war, wie wir alle wissen, dass das vereinte Deutschland; nunmehr endgültig.,
auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße verzichtet hat.
Es ist übrigens sehr die Frage, ob wir gut daran getan haben, seither
den Ausdruck "Ostdeutschland" ausschließlich für
die Gebiete zu verwenden, die vorher DDR waren. Ist Rostock eine ostdeutsche
und nicht vielmehr eine norddeutsche Stadt? Liegen Leipzig, Wittenberg
und Weimar in Ostdeutschland? Ich würde sie für mitteldeutsch
halten. Mein Göttinger Kollege Hartmut Boockmann hat gemeint, die
Bezeichnung ostdeutsch ziele nicht auf staatsrechtliche Zugehörigkeiten.
Die heutige Rede von Ostdeutschland habe aber den Zweck, den Gebrauch
dieser Benennung für Gebiete jenseits der heutigen Ostgrenze auszuschließen.
Sie solle erkennen lassen, dass derjenige, der so nicht die heutige
Grenze zwischen Deutschland und Polen akzeptiere "Wenn man aber
das alte Danzig oder das alte Stettin zur Kenntnis nimmt (schrieb Boockmann
wörtlich), kann man nicht übersehen, dass man es hier mit
Zeugnissen deutscher Kultur und Geschichte zu tun bekommt. Und warum
sollte man das auch übersehen?"
Wenn es darum gehe, fuhr Boockmann fort, nicht vergessen zu lassen,
dass Deutschland den Zweiten Weltkrieg verursacht habe, sei gut denkbar,
dass die Reservierung der Bezeichnung "Ostdeutschland" für
die einstige DDR einer derartigen Erinnerung geradezu entgegenwirke.
"Wenn man vergessen macht, dass Deutschland im Jahre 1945 um einen
beträchtlichen Teil seines Gebietes reduziert und dass ein nicht
weniger beträchtlicher Teil der Deutschen aus seinen Heimatgebieten
vertrieben worden ist, dann verdrängt man auch leicht aus dem Gedächtnis,
warum das geschah. So stellt die Rede vom ostdeutschen Eisenach keinen
Beitrag zu einem gedeihlichen Zusammenleben der Völker in Europa
dar, sondern sie müsste auf Dauer das Gegenteil bewirken. Wenn
wir Deutschen nicht wissen, was mit uns im Jahre 1945 geschehen ist,
werden wir uns auch nicht daran erinnern, was wir seit 1933 getan haben..."
Ich glaube, dass diese skeptischen Sätze des inzwischen verstorbenen,
hoch angesehenen Historikers Boockmann uns nachdenklich werden lassen
sollten.
Damit ist schon gesagt, dass ich die in der Bundesrepublik verbreitete
Tendenz immer bedauert habe, den Verlust Ostdeutschlands und die Vertreibung
von dort allein als eine Angelegenheit der unmittelbar Betroffenen zu
betrachten, als einen persönlichen Schicksalsschlag wie den Brand
eines vom Blitz getroffenen Hauses oder den Unfalltod enger Verwandter.
Alle Deutschen haben doch einen Verlust erlitten, der sie schmerzen
sollte.
Alexander und Margarete Mitscherlich haben in den sechziger Jahren ein
damals viel beachtetes Buch geschrieben, in dem sie die vermeintliche
deutsche "Unfähigkeit zu trauern" beklagten. Ich halte
diese These, was die Bundesrepublik angeht, für falsch - gerade
im Vergleich zur DDR und zu Österreich. Die DDR mit ihrem staatlich
verordneten Antifaschismus erklärte die hässliche braune Vergangenheit
zu einer rein westdeutschen Vergangenheit, schob nicht nur die finanzielle
Haftung für alle Kriegsfolgen, zumal die Verbrechen, resolut den
Westdeutschen zu und rechnete sich, als Sattelit der siegreichen Sowjetunion,
selbst halbwegs unter die Siegermächte. Die Österreicher konnten
sich lange mit Unschuldsmiene als erstes Opfer der Hitlerschen Aggression
ausgeben und betrachten und ihrerseits insofern fast unter die Sieger
des Zweiten Weltkriegs rechnen. Nur die Westdeutschen haben sich im
Laufe der Jahrzehnte mehr und mehr die fürchterlichen Untaten jener
zwölf Jahre vor Augen geführt, die Vergangenheitsbewältigung
zum Dauerthema gemacht, alle Opfer des Krieges und der Verbrechen, alles
Zerstörte und Vernichtete aufrichtig betrauert. Sie, wir, trauern
weiter, bis zum heutigen Tage.
Aber die beiden Mitscherlichs haben durchaus Recht mit ihrer These im
Blick auf die früheren Ostgebiete, die deutschen Spuren, an vielen
Orten Ostmitteleuropas. Die Deutschen trauen sich nicht, wie ich schon
sagte, die eigenen Verluste zu betrauem. Viele unter uns haben einfach
verdrängt, was wir alle mit Ostdeutschland, diesem Viertel unseres
Landes, verloren haben: viele schöne alte Städte mit historischen
Marktplätzen, Rathäusern, Kirchen, Bürgerbauten, - Burgen
und Schlösser, herrliche, unverhaute Landschaften unter weitem
Himmel, Wälder und Seen; Mundarten, Mentalitäten. Wir haben
die Teilhabe Deutschlands am Osten Europas verloren. Sie wird in der
früheren Weise nie wiederkehren. Unser Land hat damit mehr eingebüßt
als das Riesengebirge oder Masuren. "Denn aus dem Osten kamen nicht
nur das ostpreußische Korn und die schlesische Kohle", schreibt
Wolf Jobst Siedler. "Deutschland hatte durch seinen eigenen Osten
auch in seelischer Hinsicht an der östlichen Welt teil, an Religiosität,
Mentalität und Lebensgefühl."
Es ist und bleibt ein Jammer, dass wir Schlesien, Pommern und Ostpreußen
(das in seinem unglaublich verwahrlosten russischen Teil heute das am
meisten verwüstete Gebiet Europas ist) für immer unwiederbringlich
verloren haben. Jerzy Krasuski, der polnische Historiker, hat völlig
richtig schon vor drei Jahrzehnten im Rückblick geschrieben: "Die
Deutschen erfuhren in ihrer Geschichte drei Katastrophen: Die erste
war der Niedergang der Hohenstaufen, der im Grunde gleichzeitig der
Niedergang des mittelalterlichen Kaisertums war, die zweite der Dreißigjährige
Krieg und seine Folgen, die dritte, zwei verlorene Weltkriege und der
Verlust von östlichen Landschaften, die sie in tausend Jahren erobert
hatten."
In diesen Perspektiven, in solchen Größenordnungen muss man
sehen, was wir Deutsche im 20. Jahrhundert erlebt haben. Wie wenigen
unter den Nichtvertriebenen ist das bewusst! Viele glauben, es sei zwischen
uns und den Polen immer so mörderisch zugegangen wie in den ideologisch
aufgehetzten Zeiten eines fanatischen Nationalismus. Manche denken sogar,
unsere Ostgrenze habe sich permanent zu deutschen Gunsten verschoben.
Dabei war sie doch über Jahrhunderte hinweg eine der stabilsten
im alten Europa. Der allgemeine Erinnerungsverlust ist erstaunlich.
Da fragt eine junge Journalistin jemanden, der 1926 im Eulengebirge
geboren wurde, allen Ernstes, ob er als Kind polnisch gekonnt habe.
Oder ein Bonner Blatt nennt einen Deutschen, der 1935 in Hinterpommern,
in der Stadt Stolp geboren wurde, die heute Slupsk heißt, einen
gebürtigen Polen.
Unsere Geschichtsvergessenheit tut uns nicht gut. Es ist daher wichtig,
dass die Deutschen insgesamt die eigene Trauer zulassen, nicht weiter
von sich wegschieben. Die Verweigerung dieser Trauerarbeit ist mir unheimlich,
hat mich immer beunruhigt. Wir müssen uns und unseren Nachkommen
um der eigenen inneren Balance willen das in ganz Ostmitteleuropa Verlorene
bewusst machen, es uns neu vor Augen führen, im Gedächtnis
bewahren, damit im doppelten Sinne aufheben. Wir sollten, die Vertriebenen
zumal (sie tun das ja längst), ihre Erfahrungen und Kenntnisse
neuen Generationen weitergeben, Spuren sichern, Neugier wecken, auch
Stolz auf eine große und - insgesamt gesehen- friedliche Aufbauleistung
vieler Generationen unseres Volkes, die sich sehen lassen kann, an vielen
Orten heute noch in Augenschein zu nehmen ist....
Weshalb aber sind so wenige bei uns bisher neugierig, wie es östlich
von uns aussieht? Die Oder, früher die Mitte der Monarchie, bildet
nun unsere östliche Grenze. Die Polen sind nach den Franzosen unser
größter, wichtigster Partner. Aber schon die Atlanten behandeln
den Raum zwischen uns und den Russen stiefmütterlich. Hindert der
verdrängte Schmerz über den Verlust vieler Gebiete, in denen
die Deutschen, weit über Polen hinaus, einst zu Hause waren, ihre
Spuren hinterlassen haben, unsere sonst doch unbändige Reiselust?
Ist es die Furcht, Landschaften zu betreten, die ernst von Deutschen
und Juden geprägt wurden? Die einen sind ermordet, die anderen
hat man vertrieben.
Was hindert uns, nach der Heimat von Johannes Bobrowski, Paul Celan
oder Elias Canetti zu suchen? Warum will selten jemand von uns herausfinden,
wie es in der Bukowina, in Siebenbürgen oder Galizien heute aussieht?
Wer war eigentlich schon auf dem Windenburger Leuchtturm, an der melancholischen
Memel, bei Thomas Mann auf der Kurischen Nehrung? Wer kennt den Domberg
von Reval, die Tartlauer Kirchenburg und das Bayerische Haus in Odessa?
Wer sah den Flügelaltar der Söhne des Veit Stoß in der
Stadtpfarrkirche des heute rumänischen Mühlberg?
Noch immer besuchen nur wenige Breslau mit seinem Marktplatz, der Sandinsel,
dem Dom, der Universität mit ihrer Aula Leopoldinah, in der noch
immer - oder wieder - das Portrait Friedrichs des Großen hängt.
Noch geringer ist die Zahl derer, die das ganz mittelalterliche Thorn
oder, gleichfalls an der Weichsel, die alte Königsstadt Krakau
kennen, obwohl doch beide Orte in unserer Nähe liegen. Da darf
man sich nicht wundern, wenn den meisten von uns die Kreml von Nowgorod
oder Pleskau, diesen Hansestädten, nichts sagen. Menschen vor Ort
kennen oft unser Erbe besser als wir, setzen deutsche Traditionen eindrucksvoll
fort. Das deutschsprachige Brukenthal-Gymnasium in Hermannstadt ist
heute eine rumänische Brücke nach Deutschland, nach Europa
geworden.
Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen wirbt eindringlich
für ein "Zentrum gegen Vertreibungen". Es soll dieses
düstere Kapitel der Vergangenheit und Gegenwart international vergleichend
ins allgemeine Bewusstsein heben. Gut, richtig. Wir werden außerdem
vermutlich bald ein nationales Menschenrechtsinstitut bekommen. Das
sind begrüßenswerte Initiativen. Für unsere Zukunft
wird aber auch wichtig sein, kommenden Generationen bewusst zu machen,
was von der Geschichte der Deutschen im Osten Europas erinnerungswürdig
bleibt."
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