Scheitert Deutschland ?
Die Deutschen: Erschöpft ? Verwöhnt ? Unbeweglich ?
Arnulf Baring

Am Ende des 20. Jahrhunderts und damit am Beginn eines neuen Millenniums versuchen Autoren unterschiedlichster Provinienz Bilanz zu ziehen. Arnulf Baring, emeritierter Professor für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen an der FU Berlin und nicht zuletzt durch seine Tätigkeit im Präsidialamt in den siebziger Jahren einem breiten Publikum bekannt geworden, hat seine Arbeit bereits 1997 verfasst und mit der rhetorischen Frage versehen:
"Scheitert Deutschland ?"

Das seit 1998 nun auch als Taschenbuchausgabe vorliegende Werk nennt sich im Untertitel: "Abschied von unseren Wunschträumen" und bezieht historisch-politische sowie ökonomische Fragestellungen in die Analyse mit ein. Sein Fazit, seit dem 27. September 1998 wissen wir es genau, wertet die Stellung Deutschlands am Ende der Kohl-Ära. Ob die neue rot-grüne Regierung vor seinen Augen mehr Gnade gefunden hätte, darf dabei getrost bezweifelt werden. Vielleicht hätte Baring seine Thesen sogar radikalisiert. Als provozierende Gesprächsgrundlage für zeitgeschichtlich-interessierte Kollegen oder einen interessierten S I oder S II Kurs an deutschen In,-besonders aber deutschen Auslandsschulen bietet Barings Werk dabei zu Genüge Gesprächsanlass und Diskussionsgrundlage, bedient sich Baring nicht nur provokativer Thesen, sondern auch eines journalistischen Stils, der die griffige Pointe, die Zuspitzung liebt und leicht verständlich ist.

Auch wenn Baring über viele Seiten hinweg nur Thesen der Leitartikler in den 90er Jahren
wiederholt und, um es zusammenzufassen, erwartungsgemäß immer wieder den Standortnachteil
der Bundesrepublik Deutschland beklagt, so entwickelt er doch einige interessante eigene, manche mögen sagen höchst problematische, wenn nicht gar kaum haltbare Annahmen und Schlussfolgerungen.

Historischer Bezugspunkt bundesrepublikanischer Außenpolitik, so Baring, seien nach 1945 im Westen "fast zwanghaft" (S. 15) die zwölf Jahre des Nationalsozialismus gewesen. Diese Sichtweise habe er früher zwar auch vertreten, er ist sich nunmehr aber sicher, dass mit größerem historischem Abstand auch an andere Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern sei.
Dies wurde ja nicht nur schon im Historikerstreit mit Blick auf Stalins Verbrechen von der einen Seite postuliert. Auch Martin Walser hat 1999 in seiner Paulskirchenrede ähnliches formuliert. Neu an Baring ist, wie eindeutig er dabei z.B. Bismarcks-Außenpolitik als neuen Bezugspunkt postuliert, wohl dabei eher die vermittelnde Rolle des Deutschen Reichs im Balkankonflikt als Bismarcks Einigungskriege meinend. Deutsche Außenpolitik soll sich für Baring in Zukunft weniger auf die Europäische Union, der Baring nicht nur aus ökonomischer Skepsis dem Euro gegenüber, sondern auch aus historischer Perspektive derKonkurrenz englischer, französischer und deutscher Nationalinteressen wenig zutraut, fixieren als vielmehr auf den Nationalstaat, dem Baring eine Renaissance zutraut, ja wünscht.

Frankreich und Großbritannien hätten ohnehin diesen nationalstaatlichen Aspekt nie vernachlässigt, Russland und die USA noch viel weniger. Deutschlands Rolle im Konzert der Nationalstaaten solle also in der Annäherung an den Nachbarn im Osten, Baring meint damit Polen und am besten den ganzen ost-mitteleuropäischen Raum - also im strikten Gegensatz zu Bismarck -, und im kontinuierlichen Folgen des großen Meisters aus der Neuen Welt, den USA, sein. Was letzteres betrifft, skizziert Baring das Gespenst des "amerippon", der amerikanisch-japanischen Synthese als negativen Bezugspunkt. Baring wünscht sich nicht nur innen-, sondern auch außenpolitisch eine eiserne Lady nach englischen Vorbild, die eindeutiger als andere europäische Staatschefs nationale Interessen vertrat und sich nicht von, Baring sagt es nicht ganz so deutlich, sentimenal-gefühlsbetonten Motiven wie Helmut Kohl gegenüber Russland und Frankreich im Zusammenhang der deutschen Einigung leiten ließ.

Angesichts der Turbulenzen und Finanzprobleme im heutigen Russland könnte man Barings Schlussfolgerung, man solle deshalb z.B. Russland erst zu sich kommen lassen, habe es doch genügend Ressourcen, einerseits prophetisch, andererseits aber auch als gefährlich ansehen. Im Vordergrund deutscher Außenpolitik stünde in diesem Zusammenhang stets das kur- bis mittelfristige deutsche, will sagen nationalökonomisch deutsche Interesse. Überlegungen wie sie die derzeitige deutsche Bundesregierung zur Reform der UNO anstellt, um Kriterien der Interventionen der UNO neu zu klären, auch wenn das tradierte Selbstbestimmungsrecht der Völker tangiert wäre, spielen in der außenpolitischen Gedankenwelt eines Arnulf Baring keine Rolle.

Immerhin ist Baring kaum zu widersprechen, wenn er überzeugend herausarbeitet, wie sehr der Nachbar Polen bisher - aus welchen Gründen auch immer - von deutscher Außenpolitik vernachlässigt wurde. Andererseits ist Polen inzwischen Mitglied der NATO und aussichtsreicher Kandidat für die Aufnahme in die EU. Aber wie kommt nun Baring am Ende der 90er Jahre zu solchen Thesen?

Grundlage seiner These ist nach wie vor die Annahme, es sei nun einmal auf absehbare Zeit hinweg der Nationalstaat das gültige Koordinatensystem internationaler Politik, trotz aller multi- und supranationaler Schwärmerei. Baring orientiert sich dabei überdeutlich am 19. Jahrhundert, nicht einmal an der Tradition der starken Regionen im sogenannten "Heiligen Römischen Reich deutscher Nation". Im ökonomischen Teil seiner Argumentation wiederholt Baring die in den neunziger Jahren breit diskutierten Fakten zum zunehmenden Standortnachteil der Bundesrepublik.. Verantwortlich dafür macht er aber nicht in erster Linie die fehlende Innovationskraft bundesrepublikanischer Wirtschaftssubjekte, sondern vor allem die Parteien und ihr Beharren auf den liebgewonnenen Errungenschaften des deutschen Sozialstaats. Die SPD wird zur eigentlich
beharrend-konservativen Kraft und die CDU zur Partei des konservativen Sozialdemokratismus.

Verwunderlich ist dabei weniger seine Polemik gegenüber PDS und Grüne, sondern sein Hoffnung, dass es die FDP sein könne, der er noch am ehesten zutraue "unsere Probleme" (S. 277) zu lösen. Und da verwundert es auch kaum, wenn Baring, ganz neoliberal argumentierend, zur allgemeinen und so typisch deutschen Publikumsbeschimpfung übergeht: "Die Deutschen: Erschöpft? Verwöhnt? Unbeweglich?" Die Fragezeichen hätte er sich ersparen können, auch wenn der Untertitel seiner Streitschrift lautet: "Der Abschied von unseren Wunschträumen." Barings nationalstaatliche und -ökonomische Argumentation erhofft sich über eine "lean production" in Deutschland, d.h. über eine
kostengünstigere Produktion im Inland größere deutsche Anteile am Weltmarkt. Weltökonomische Aspekte der Umgestaltung der Industrie- zur Dienstleistungs- und zur Kommunikationsgesellschaft geraten dabei ebenso wenig in den Focus wie die Strukturprobleme anderer Regionen unseres Globus. Wieder einmal beschwört ein Autor den Verlust der einst als typisch deutsch geltenden Sekundärtugenden, ohne dabei genügend die weltweiten Ursachen der Werteerosion mitzureflektieren.

Jürgen Kalb