Arnulf
Baring: Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!
Stationen
demokratischer Erneuerung 1949 bis 1999
Gegen negativen Sonderweg Deutschlands
Detlef Kühn
Dem
Berliner Historiker und Juristen Arnulf Baring ist vor zwei Jahren mit
seiner in Buchform gestellten Frage "Scheitert Deutschland?"
ein aufrüttelnder Bestseller gelungen. Jetzt hat sich sein Verlag
anlässlich des 50jährigen Bestehens der Bundesrepublik Deutschland
entschlossen, von dem 1932 Geborenen eine Sammlung von Aufsätzen
und Buchteilen, die seit 1962 erschienen und noch aktuell sind, herauszugeben.
Damit liegt ein Lesebuch vor, das jüngeren Menschen und darüber
hinaus besonders Lesern in den neuen Bundesländern in fesselnder,
leicht lesbarer Weise zeitgeschichtliches Wissen über die letzten
60 Jahre nahe bringt.
Beginnend mit den Erfahrungen des zwölfjährigen Baring bei
der Zerstörung Dresdens im Februar 1945 – einem Ereignis,
das er zu Recht als Kriegsverbrechen bezeichnet –, über die
schaurigen Erlebnisse beim Einzug der siegreichen Roten Armee in Berlin
im April, die über Jahre hinweg das persönliche Verhältnis
aller Betroffenen zu "den Russen" belastet haben, den Aufstand
vom 17. Juni 1953 bis hin zu der ausführlichen Schilderung aller
wesentlichen Etappen der alten Bundesrepublik bis 1990, lernt der Leser
Fakten, Hintergründe und nicht zuletzt Motive und Bewertungen der
handelnden Politiker und ihrer Wähler kennen. Dass dabei das Schwergewicht
auf Westdeutschland gelegt und die DDR meist pauschaler abgehandelt
wird, ist wohl unvermeidlich und ergibt sich aus dem Kenntnisstand und
den Publikationsmöglichkeiten, die der Autor bei der Abfassung
dieser Beiträge hatte.
Richtig spannend wird es noch einmal in dem letzten Kapitel "Woher
wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen". Es nimmt ein Fünftel
des gesamten Buches ein und bringt ein aktuelles Resümee der geschichtlichen
Erfahrungen mit Nutzanwendungen für die Zukunft. Hier wird sogar
noch die Hessenwahl berücksichtigt. Wie schnell aber scheinbar
langfristig angelegte Machtstrukturen überholt sein können,
wird deutlich, wenn man die Beurteilung der Rolle des SPD-Vorsitzenden
und Bundesfinanzministers Oskar Lafontaine liest, der bei Erscheinen
des Buches bereits zurückgetreten war.
Von bleibender Bedeutung ist allerdings der Aufruf Barings an die Deutschen,
trotz aller Belastungen durch die Vergangenheit (Auschwitz!) endlich
ein unbefangenes Verhältnis zur eigenen Existenz – und das
heißt vor allem zur eigenen Geschichte – zu entwickeln.
Mit deutlicher Kritik an den 68ern stellt Baring fest: "Wir sollten
uns keinen Selbsthass, keinen negativen Nationalismus einreden lassen."
Durch die Wiedervereinigung seien wir "in die gesamteuropäische
Einbettung zurückgekehrt" (und nicht mehr nur westeuropäisch
ausgerichtet, wie es in der Zeit des Kalten Krieges unvermeidlich war).
Es gebe keinen negativen Sonderweg Deutschlands von Luther bis Hitler.
Zum Beispiel sei Deutschland vor 1914 keineswegs zielbewusst auf den
Krieg zugesteuert: "Die Spannungen des Reiches vor allem mit Frankreich
und Russland, dann aber auch mit Großbritannien, lagen auch an
den anderen." Auch heute noch gehe es in Europa nach wie vor nicht
so harmonisch zu, wie die Deutschen sich das in ihrer Naivität
vor 1990 eingebildet hätten: "Selbst enge Verbündete
spähen uns mit Hilfe der Geheimdienste aus, um deutsche Firmen
auf den Weltmärkten auszustechen."
Vor allem plädiert Baring dafür, bewusst die Bereiche der
deutschen Geschichte in das öffentliche Bewusstsein zu rücken,
mit denen man sich ohne Probleme identifizieren könne. Die Beschränkung
der historischen Betrachtung auf die Zeit des Nationalsozialismus sei
schädlich und liege weder in unserem noch im Interesse unserer
Nachbarn. Wer unvoreingenommen sei, könne "viel Positives"
in der deutschen Geschichte finden, meint Baring.
Baring wünscht sich einen nüchterneren Umgang auch mit den
Russen, die "nur partiell als Europäer gelten können
(…) Die bisherige exklusive Beziehung zu einer Leitfigur, die
Kameraderie zwischen Helmut Kohl und Boris Jelzin, war kurzsichtig,
hat auch Deutschland nichts gebracht, aber viel Geld gekostet."
– Baring sieht den Nationalstaat noch lange nicht am Ende. Wir
selbst müssten unser Land in Ordnung bringen, die Europäisierung
oder gar Globalisierung werde daran nichts ändern: "Unser
Aufschwung, wenn er denn kommt, wird sich, wie überall anderswo,
im nationalen Rahmen vollziehen."
Im Umzug nach Berlin sieht Baring eine Chance und die Notwendigkeit,
unser Verhältnis zu unserer eigenen Geschichte zu verbessern, wobei
er dringend rät, sich dabei auch das Verlorene in den früher
deutschen Vertreibungsgebieten neu vor Augen zu führen und innerlich
anzueignen.
Berlin sei nicht nur eine "heitere und aufregende Stadt",
die junge Leute von der Love Parade oder Fußballspielen her kennen
– Traditionen, an die man, wie Bundeskanzler Schröder meint,
anknüpfen könne. "Das wird nicht reichen", stellt
Baring nüchtern fest. Man müsse sich bei diesem Ortswechsel
schon mehr anstrengen und sich auch auf unsere lange Geschichte "so
oder so neu einstellen".
Schließlich könnten die Deutschen dauerhaft nur dann "eine
gute Meinung" von sich selber haben, wenn auch "öffentliche
Emotionen" möglich seien. Man dürfe alle Politik nicht
nur daran messen, "wie viel Geld gemacht und bewegt wurde".
Auch seelische Kräfte spielten dabei eine entscheidende Rolle.
Und dies führt Baring letztlich zu dem Rat, dem französischen
Beispiel zu folgen und auch Deutschland und sein Staatsform freudig
zu bejahen: "Es lebe die Republik, es lebe Deutschland". Sein
Wort in Gottes und der Wähler Ohr!
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