Joachim Fest Emphase und Skepsis als Tugend: Kurzer Tusch auf Arnulf Baring Freundschaften gibt es nur als «alte Freundschaften». Besteht eine Verbindung aus Zuneigung und wechselseitigem Respekt lange genug, hat sie zudem über die Jahre hin manche der unvermeidlichen Eintrübungen überstanden, können Monate vergehen, ohne daß man zusammenkommt. Man muß nur wissen, daß der andere da ist, daß man auf ihn und sein Wort rechnen kann. Erst durch verläßliche Dauer verdient sich eine Beziehung den Begriff der Freundschaft. Ich kann nicht mehr sagen, wann ich Arnulf Baring kennengelernt habe. Es muß in den frühen oder mittleren sechziger Jahren gewesen sein, als ich noch beim Fernsehen tätig war, und die Freundschaft, die uns von da an verband, entstand nicht als allmähliche Annäherung, wie es doch die Regel ist. Vielmehr war sie von einem Tag zum anderen einfach da. Baring selber hat mit der Spontaneität ja ohnehin keine Mühe. Und mir war schon nach wenigen Begegnungen bewußt, wie nahe wir uns im Grundsätzlichen waren, wie viele historische und selbst persönliche Erfahrungenwir teilten oder prägend hatten werden lassen und wie viele gleichartige Lehren wir, nach suchendem Beginn, aus unterschiedlichenLebensläufen gezogen hatten. Denn die fünf Jahre, die uns trennen, sind im Blick auf die Zeit,die uns formte, fast ein Generationsunterschied. Seltsamerweise istmir das bei Baring kaum je spürbar gewesen. Vielleicht hat es mit dem Krieg zu tun, der an sich die biographische Grenze ist. Ich habeihn gerade noch als Soldat mitgemacht, Baring nicht. Doch ist er mindestens so tief hineingeraten wie irgendwer sonst. Als Berliner vor der Dauerbedrohung des Bombenkrieges nach Dresden geschickt, hat er den barbarischen Luftangriff vom Februar 1945,der die Stadt auslöschte, erlebt und mit nicht geringer Not überlebt. Kaum nach Berlin zurückgekehrt, rückte die Rote Armee an und eroberte die Stadt: zwei traumatische Erlebnisse, die er nie losgeworden ist. Was allenfalls noch ausstand und den soldatischen Ohnmachtserfahrungen die besondere Farbe gab, hat Baring durch Phantasie und Einfühlungsvermögen ersetzt – zwei Eigenschaften,die der historisch Denkende weit mehr benötigt, als den meistenbewußt ist. Die Misere der Zunft hat, wie man weiß, zum erheblichen Teil damit zu tun. Was uns zusammenführte, war natürlich undenkbar ohne die Ereignisse, die historisch hinter uns lagen und vieles von unserem Denken bestimmten. Auch die Folgerungen, die wir daraus zogen, bestärkten unser Einvernehmen. Dazu zählte vorab, wie wir in etlichen Gesprächen erörterten: daß die Politik mehr Wirklichkeitssinn verlangt, als gerade die Deutschen wahrhaben wollen, zumal alle fünf Regime des Landes im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts, vom Kaiserreich bis hin zur DDR, am deutschen Urlaster des Realitätsverlusts gescheitert sind; daß die Kraft zum Träumen und zur Utopie, anders als viele glauben, immer nur das Ideal oder, in der Hochsprache der deutschen Philosophie, die «regulative Idee» meinen darf, niemals die Verwirklichung; daß Pragmatismus und Skepsis die eigentlich demokratischen Tugenden sind und die Bundesrepublik, politisch wie kulturell, um den Preis ihrer Existenz zum Westen gehört; auch daß die Regime im Osten inhuman und widerwärtig sind, was bei allen taktischen Annäherungen immer bewußt bleiben müsse. Heute ist vor aller Augen, wie oft das vergessen wurde und wie sehr sich noch vor kurzer Zeit diejenigen, die es vergaßen, ebendies zugute hielten. Zu einer wirklichen Freundschaft gehört immer auch ein Element verdeckter Eifersucht. Worum ich Arnulf Baring stets beneidet habe, hat wiederum mit unserem Generationenabstand zu tun. Während ich gleichsam die akademische Ochsentour an drei deutschen Universitäten absolvierte, weil sich einem Studium jenseits der Grenzen damals noch erhebliche bürokratische Hindernisse sowie ökonomische Schwierigkeiten in den Weg stellten und zudem der allesbeherrschende Zeitdruck dagegenstand, hat Baring seine Lehrjahre an den Hochplätzen der politischen Wissenschaft verbracht: von der Columbia University über Speyer und Berlin bis nach Harvard, und später noch, schon jenseits der Studienzeit, in Washington, New York, Princeton und Oxford. In allen diesen Jahren veröffentlichte er vielbeachtete Bücher zu politischen und zeitgeschichtlichen Themen: über die Erhebung vom 17. Juni 1953, die Außenpolitik Adenauers und dann, 1982, das Werk, das seinen Namen über die Grenzen des Fachs hinaus bekannt werden ließ und ihm hohe Autorität verschafft hat: «Machtwechsel. Die Ära Brandt – Scheel». Der damalige Bundespräsident Walter Scheel hatte es erreicht, ihn für diese Arbeit von seinen Lehrverpflichtungen in Berlin freizustellen, und drei Jahre lang residierte Baring daraufhin statt in der Dahlemer «Rostlaube» im «Palmenhaus» des Präsidialamts. Er hatte Zugangzu wichtigen Aktenbeständen und, mit wenigen Ausnahmen, zu den ausschlaggebenden Politikern jener Wendezeit. Gleichwohl hält das Buch persönlich wie sachlich jene Distanz, aus der die historiographische Glaubwürdigkeit stammt, und erzählt dasdramatische, streckenweise schwer enträtselbare und oftmals gespenstisch intrigenreiche Geschehen mit einer Meisterschaft, die es zu einem der Schlüsselwerke zeithistorischer Forschung gemacht hat. An einem derart stationenreichen Weg liegen stets zahlreiche Abseiten, die für einen so vielseitigen und neugierigen Menschen wie Baring eine nicht unerhebliche Versuchung waren, zumal sie seinem politischen, auf den Tag bezogenen Temperament entgegenkamen. Schon Anfang der sechziger Jahre war er für einige Zeit politischer Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk gewesen. Später ergaben sich andere Angebote. Ich habe manches Mal bedauert, daß nicht zustandekam, was Gerd Bucerius uns 1970 vorschlug: die gemeinsame Leitung der unzweifelhaft wichtigsten und einflußreichsten politisch-kulturellen Zeitschrift der fünfziger und sechziger Jahre, des gerade in den Status der Legende übergehenden «Monat». Wir hatten beide auch Vergnügen an der Vorstellung, tauschten schon die vermutlich beherrschenden Fragen der bevorstehenden Jahre und die Namen von Mitarbeitern und Autoren aus, die wir gern bei uns sähen. Aber jeder war in zahllose andere Verpflichtungen eingebunden, und vielleicht dachte auch der eine wie der andere, daß es Verlockungen gebe, die man besser nur in Gedanken auskostet. Baring hat sich mit seinem Insistieren auf jenen Grundeinsichten, von denen die Rede war, viele Gegner gemacht. Aber das hat er nie gescheut. Fast übermütig wirkte er, wenn er sich wieder einmal auf einen seiner «Streifzüge contra mundum» begab, wie ich das bisweilen nannte. Ich traf ihn einmal am Hamburger Klosterstern und sagte, er sähe so «befeuert» aus, daß ich mich unwillkürlich fragte, ob er gerade eine neue Gegnerschaft entdeckt habe? «Eine neue ist nicht nötig», erwiderte er lachend, die alten seien ja noch durchweg da. Carl Jacob Burckhardt berichtet irgendwo von einem deutschen Dichter, der in einer französischen Runde äußerte: «Ihr Franzosen fechtet immer alles in der Realität aus. Ihr seid vor der Welt und ihren Anforderungen wie der Herzog von Guise, der sich gegen seine Feinde verteidigen mußte mit zwei Schritten zur hinteren Wand, einen Schritt zur Rechten, einen Schritt zur Linken und keinen mehr. Wir Deutschen aber, wir können im letzten Augenblick bisweilen nach hinten durch die Wand hindurchgehen, als ob sie Luft wäre.» Arnulf Baring hat sich nie auf diese Weise aus der Welt gestohlen und gar seinen Gegnern entzogen. Er hat wieder und wieder bei mutwillig offenem Visier mit dem Rücken zur Wand gestanden und seine Sache durchgefochten. Zu den Eigenschaften, für die ich ihn gern lobe, gehört die Lust an der Auseinandersetzung, am Widerstand vor allem gegen den immer korrupten Zeitgeist und dessen Zumutungen, zur notfalls auch überschießenden Polemik. Er gegen alle, oder gegen fast alle: Arnulf Baring hat dafür jedes Jahr aufs neue das eine und andere spektakuläre Beispiel geliefert. Dem Moderator einer Talkshow hat er bei Gelegenheit Ohrfeigen angeboten und Hans Modrow, dem ehemaligen, inzwischen in den Bundestag gewählten Ministerpräsidenten der DDR, öffentlich bescheinigt, er sei «eine Schande für das Parlament». Wo immer er die Prinzipien des Gemeinwesens aufs Spiel gesetzt sieht, treibt es ihm die Galle ins Blut, und mitunter fährt er sogar bei leichteren Unüberlegtheiten eines Gegenübers aus der Haut. Jeder, der ihn näher kennt, hat im Lauf der Jahre schon ganze Heerscharen von Engeln durch den Raum gehen gesehen, wenn Baring seine Streitlust vom Zaum ließ, ringsum auf jeden erreichbaren Fuß trat und die Runde unversehens ins Schweigen fiel. Manche meinen sogar, in der Gradlinigkeit Barings, die in den Hauptfragen nicht mit sich handeln läßt, etwas «Zeitfremdes» zu entdecken. Jedenfalls legte mir das ein gemeinsamer Bekannter unlängst dar. Er nannte Barings «gegenwartsabgekehrte», in einer konsensuellen Gesellschaft ganz und gar außenseiterische Lust an Widerspruch, Zuspitzung und sogar «Aufruhr» das hervorstechende Merkmal. Dann aber gehöre dazu auch, meinte er, «das Jugendbewegte » an ihm, das alterslos Emphatische, auch im Widerspruch auf schwer definierbare Art Begeisterte. Natürlich ist Baring unschwer als Vortragender an Pult oder Katheder vorstellbar. Aber ungleich charakteristischer schienen auch mir immer die Studienreisen, die er mit seinen Schülern unternahm: über irgendwelche Gletscher, wenn möglich bis in den Himalaya, aber vorwiegend in die Regionen des östlichen Europa: In jene nicht ganz geheuren Landstriche des alten Kontinents in unser aller Rücken gewissermaßen, der sich mit jedem Längengrad noch etwas weniger geheuer ausnahm, weil die Völker Europas, der altüberkommenen Spruchweisheit zum Trotz, die Sonne der zumindest politischen Verheißung nie im Osten aufgehen sahen. Das Licht, von dem die Wortführer der verbesserten Welt sprachen, kam in Wahrheit immer aus dem Westen. Bezeichnenderweise brach Baring aber stets in die Gegenrichtung auf. Jedenfalls weiß ich von keinen Reisen in die Welt, die unser aller Herkunft ist, nach Delphi, Paestum oder Castel del Monte. Statt dessen hörte ich ihn immer wieder von der Krakauer Altstadt schwärmen, von Masurenwanderungen und irgendwelchen Endlos-Weiten im unbekannten Osten. Das war womöglich der auffallendste Unterschied zwischen uns: Ich suchte auf den Reisen nach der Wiederbegegnung mit dem halbwegs Unbekannten, dem aus Elternhaus, Schule oder sonstwoher nur vermittelt Gewußten, er hingegen nach dem Fremden und Fremdartigen, das zudem das Abenteuer nicht ausschloß. Im Grunde, habe ich mitunter gedacht, hat er eine Neigung zur Pfadfinderei in jedem Sinne. Seinem Wesen nach fühlt er sich ständig auf Wege gelockt, die kein Richtungsweiser anzeigt. Das war ein beträchtlicher Unterschied. Aber ein paar Grundsätze und Regeln waren für ihn wie für mich unverrückbar. Und deshalb muß man eine Ergänzung vornehmen. Denn die «Gegenwartsabgekehrtheit » Barings kommt, so schien mir immer, auch noch aus etwas anderem. Tatsächlich steht er einige Grade quer zu einer Zeit, in der «alles geht» und folglich nichts wirklich wichtig ist. Wer die Verfallsgeschichten studiert, in die jede der europäischen Hochphasen früher oder später überging, wird wahrnehmen, daß die wachsende Gleichgültigkeit gegenüber den Werten und Verbindlichkeiten der Aufstiegsepochen das übereinstimmende Kennzeichen müde gewordener, nur noch durch Resignation und Selbstsucht verbundener Zeiten ist. Mit unserem Bekannten, dem ich diese Überlegung vortrug, war ich mir bald einig, daß es zur seltenen Eigenart Barings gehört, stets wie ein Mensch des Anfangs zu wirken, und das heißt zugleich, ebenso überzeugt wie wißbegierig zu sein, vieles zu kennen und dennoch staunen zu können. Tatsächlich vermag er mit ebensolcher, in seinem unterdessen erreichten Alter geradezu jugendlichen Hitze bewundern und dann wieder aus nachdenklichen Zuständen in die unverhohlenste, auch laute Radikalität hinüberwechseln. Daher bedarf fast jedes Urteil über ihn der Ergänzung durch mindestens das halbe Gegenteil. Die ungewöhnliche Verbindung von reflektierendem Ernst und empörter Entschiedenheit ist eine der Besonderheiten, die ihn ausmachen. Was aber noch hinzukommt und ihm fast eine Art Ausnahmestellung gibt, hat damit zu tun, daß seine Urteile sich nie zu einer fugendichten Konstruktion vereinen. Er hat, wie nur wenige Intellektuelle ringsum, die Lektion der Epoche gelernt; die meisten, wie weit man sich auch umtun mag und was immer sie sich zugute halten, sicherlich nicht. Was er dem ideologischen Gerede allezeit entgegensetzt, sind jene wenigen Einsichten, die Ordnung und Freiheit zu einem menschenwürdigen Dasein zusammenbinden: Gewißheiten, die der allenthalben, im akademischen Bereich, in den Medien sowie im Kulturbetrieb verbreiteten Neigung zu mancherlei aufgeblasenem Tiefsinn so schwer fallen. In allem übrigen fühlt er sich völlig frei. So daß Arnulf Barings Zeitfremdheit nichts anderes wäre als die Unabhängigkeit des Denkens, die immer aus aller Zeit tritt. Womöglich resultiert daraus auch die Schwierigkeit, die er mit den Parteien hat, vor allem mit der Partei hatte, der er ursprünglich und viele Jahre lang angehörte. Es ist nur ein weiterer Beleg für seine Unabhängigkeit, daß mir ein führender Berliner SPD-Mann vor Jahr und Tag, als Arnulf Baring mit der Partei über Kreuz geriet, sagte, der «Professor, den er wie jedermann» schätze, sei zwar ein «guter Kopf», doch wisse man nie, «wo er mit dem gerade steht». Mir ist es, um ein Beispiel zu nennen, in der Wiedervereinigungsfrage sowie auf manchen anderen Politikfeldern oft viel schwerer gefallen zu begreifen, wo die Partei gerade stand. Ein wie skizzenhaft auch immer entworfenes Porträt Arnulf Barings wäre höchst unzureichend, wenn man nicht die Besorgnis vermerkte, die ihn zunehmend umtreibt. Auch die zählt zu den Lektionen der Epoche. Der seit Jahren verantwortungslose Umgang der Politiker mit dem öffentlichen Vermögen, ihre im ständigen Machtkampf erlernte Kunst, Nöte zu erfinden und mit materiellen Versprechungen zuzudecken, hat ihn im Fortgang der Zeit spürbar aufgebracht. Leidenschaftlich hat er die allenthalben wie mit Händen zu greifenden Symptome des Niedergangs benannt: das Besitzstandsdenken und den Mißbrauch des Sozialsystems, den angeblichen Leistungsdruck, die fatale, zur fortschreitenden Erstarrung führende Bürokratisierung, die Reformfeigheit aller Parteien sowie die vielen anderen Signale der wachsenden Wohlstandsverwahrlosung. Erreicht hat er damit so wenig wie die übrigen Warner. Allenfalls haben seine Alarmrufe ihm das Prädikat der «deutschen Kassandra» eingetragen. Er hat sich von diesem Spott niemals entmutigen lassen. Die Sicherung des wirtschaftlichen Wohlergehens ist ihm zusehends wichtiger geworden. Dahinter stand die wiederum von der Geschichte vermittelte und beglaubigte Erkenntnis, daß die demokratische Stabilität des Landes vor allem vom ökonomischen Erfolg gewährleistet wird. Denn anders als England oder die Vereinigten Staaten besitzt Deutschland keine eigenständige, in Generationen gewachsene und behauptete Tradition der Freiheit. Im Blick auf den Wiedervereinigungsprozeß hat der marxistische Philosoph André Gorz bemerkt, die Ereignisse belegten trotz allem, daß die Idee der Freiheit in Deutschland «keine Heimstatt» hat. «Deutschland was nun?» lautet der Titel des letzten Buchs von Arnulf Baring, das von solchen Bekümmerungen beherrscht ist. Natürlich fehlen in diesem Freundesbild, wie offen es geraten sein mag, einige wesentliche Züge. Barings Charme wäre vor allem zu nennen, seine oftmals geradezu überwältigende Herzlichkeit oder sein scharfes Unterscheidungsvermögen. Dann aber gehören auch seine außenpolitischen Vorstellungen dazu, die dem Bündnis mit den Vereinigten Staaten, anders als die nachfolgende Generation, den Rang einer «raison d’etre» einräumen bei gleichzeitig immer unverhohlener hervortretendem Skeptizismus gegenüber Frankreich. Wenigstens durch einen knappen Hinweis sollte zudem kenntlich gemacht werden, daß er ungezählte, alsbald öffentlich bemerkbar gewordene Schüler hervorgebracht, aber keine Schule gebildet hat: Dazu war er allezeit zu offen, zu spontan, man kann auch sagen, zu unbefangen er selber. Aus dem gleichen Grund fand er die verschiedentlich aufgeworfene Frage, ob er «rechts» oder «links» sei, überaus albern. Er war einfach dort, wo das jeweils Vernünftige seinen Ort hatte. Diese wenigen Zusätze zumindest gehörten in ein Porträt mit dem Anspruch auf eine gewisse Vollständigkeit. Ich will freilich einmal noch auf die Unmutsfalte verweisen, die, bei aller Grundfröhlichkeit, auf der Stirnpartie anzubringen ist. Baring hat, was wir alle viel zu oft gedankenlos übersehen oder beschwichtigen, viele gute Gründe, nicht milde zu werden. Dafür lassen sich nicht nur der Opportunismus der Politiker und der Interessenverbände anführen, sondern auch die soziale Unersättlichkeit aller mit Einschluß der breitesten Öffentlichkeit. Zu den Erfahrungen seiner wie meiner Generation gehört, daß eine Ordnung wie die unsere etwas alle Tage Gefährdetes ist, eine halsbrecherische Sache sozusagen und, wie man mitunter glauben möchte, fast wider die menschliche Natur. Zwar ist das nur selten ein Gesprächsgegenstand zwischen uns gewesen. Aber auch ohne viele Worte war ich immer der Auffassung, unsere Freundschaft beruhe auch auf der Ausgangsüberzeugung, daß ein demokratisches Gemeinwesen niemals von generösen Umständen gewährt, sondern strenggenommen eher unwahrscheinlich ist. Angesichts der Selbstnötigungen, die es jedem abverlangt: der zivilisierenden Normen sowie der Privilegierung von Minderheiten und anderem mehr, hat es im Grunde kaum eine Chance in der Welt, wie sie ist, zumal es für alle diese Auflagen keine befriedigende oder gar stimulierende Rechtfertigung bietet. Nichts jedenfalls, was über das reichlich unsichere Versprechen einer freien und geordneten Alltäglichkeit hinausreichte. Und schon gar nicht wartet eine Ordnung wie die unsere mit der Verheißung eines grandiosen Weltenprospekts von Frieden, Überfluß und Glück auf. Dergleichen hat in der zu Ende gegangenen Epoche bei unterschiedlichen Maskeraden Millionen Verführte und Millionen Opfer gemacht. Was diese Ordnung einzig und nur im Erfolgsfall in Aussicht zu stellen vermag, ist das reichlich gewöhnliche Anerbieten auf ein halbwegs erträgliches Zusammenleben von Menschen mit Menschen. Das ist alles. Dennoch soll Kassandra nicht recht behalten. Ich hätte gern, daß Arnulf Baring sich des Unterschieds zwischen seinem erfahrungssatten Pessimismus und dem, was bloße Altersverdrossenheit ist, immer bewußt bleibt. Vielleicht wird die Jugendlichkeit, von der unser gemeinsamer Bekannter sprach, ihn davor bewahren. Der Begriff dient ja, von Älteren gesagt, meist dazu, eine gewisse Unbesonnenheit und von Herzen kommende Wirrnis zu entschuldigen. Baring ist der seltene Fall, in dem sich die Jugendlichkeit mit Vernunft und sogar politischer Vernünftigkeit paart. Das soll so bleiben. Ich will nicht in das andere deutsche Urlaster der apokalyptischen Beschwörerei verfallen, das bekanntlich weniger mit der Wahrheit als mit dem Lustgewinn derer zu tun hat, die sich darin hervortun. Von den alten Griechen hat man gesagt, sie seien im Denken Pessimisten, im Leben dagegen Optimisten gewesen. Das sei, hat man hinzugefügt, zugleich das Schwierigste von der Welt. Aber eigentlich und viel mehr ist es das Allernatürlichste. Das Allerwichtigste ist es sowieso. Joachim Fest |