Wir brauchen ein neues Selbstwertgefühl

Arnulf Baring


WELT am SONNTAG: Kann man, wie Wirtschaftsminister Wolfgang Clement das jetzt getan hat, Patriotismus zur Bürgerpflicht erklären?

Arnulf Baring:
Natürlich! Aber das gilt vor allem für die Politiker selbst. Wenn man nichts mehr zu verteilen hat, braucht man eine andere Sprache. Dazu gehört eine größere Offenheit über das Ausmaß der Krise, aber auch das Wecken von Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten. Die große Sünde der letzten Jahrzehnte war ja, dass man immer nur an die Selbstverwirklichung des Einzelnen appelliert hat. Aber wir können dieses Land unseren Kindern nicht so hinterlassen, wie es jetzt ist, die würden uns sonst verfluchen. Also muss man zeigen, dass wir auch schon andere Situationen gemeistert haben, und ein Gefühl dafür wecken, wie wichtig der Zwang zur Umkehr ist.

WamS: Also die Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede, die Kohl den Deutschen 1990 verweigert hat?

Baring:
Es reicht, ein neues Selbstwertgefühl zu vermitteln. Wodurch zeichnet sich denn eine Nation aus? Dass sie glaubt, bedeutende Dinge in der Vergangenheit getan zu haben, und entschlossen ist, bedeutende Dinge auch in der Zukunft zu tun.

WamS: Ein Appell an die Schicksalsgemeinschaft?

Baring: Ich habe dem Kanzler ein leidenschaftliches Plädoyer gehalten, sich endlich der Ressource des Patriotismus zu bedienen. Der Mensch ist eben nicht nur ein rationales, sondern auch ein stark emotionales Wesen. In der Emotionalität für das eigene Land haben wir riesige Defizite. Dazu gehört auch der verklemmte Umgang mit nationalen Symbolen. Die Politik ist in der Hauptstadt emotional und intellektuell immer noch nicht angekommen. Das zeigt schon, wie man mit dem Stadtschloss umgeht - und vor allem die Tatsache, dass im Parlament nichts hängt, was an demokratische Traditionen erinnert.

Professor Arnulf Baring ist Historiker und und Publizist

(Artikel erschienen am 9. Nov 2003
)