Der
Fall Hohmann
"Der
Ausschluss verletzt die Verhältnismäßigkeit"
Der Historiker Arnulf Baring über den Fall Hohmann und die Krise
des
Parteiensystems
Die Welt: "Natürlich ist seine, Hohmanns, Rede problematisch,
aber sein Ausschluss ist ein Armutszeugnis für die Union wie für
das liberale Grundverständnis dieses Landes", werden Sie in
einer Anzeige von Kritikern des Fraktionsausschlusses von Hohmann zitiert.
Wieso ist der Ausschluss ein Fehler?
Arnulf Baring: Weil er ein enormer Rückschlag
gegenüber der ursprünglichen maßvollen Reaktion war.
Da fand ich Frau Merkel klar und präzise: Wir rügen ihn, wir
fordern ihn zur "Bewährung" auf.
Damit hätte ich es auf sich beruhen lassen. Denn der Eindruck,
dass die
CDU-Spitze unter dem Druck der öffentlichen Debatte zurückwich,
ist doch lamentabel.
Die Welt: Kann man es nicht völlig anders sehen,
dass eine Union, wenn auch unter Qualen und Ringen, erstmals die Kraft
hat, mit solch irrlichterndem Gedankengut anders umzugehen? Dass die
Zeit des großen Umarmens all dessen, was rechts von der CDU integriert
werden sollte, unwiederbringlich vorbei ist?
Baring: Das finde ich abwegig. Diese Partei hat sich
doch immer viel entschlossener abgegrenzt gegenüber dem rechten
Rand als etwa die SPD gegenüber dem linksextremen. Viele in der
Union sind unglücklich über die Zwangslage, in die sie und
zugleich ein Mensch wie Hohmann geraten sind. Auch die, die für
den Ausschluss stimmten, nehmen zahlreich den Zwang übel.
Wir haben gesehen, wie bedrückt die Figuren im Fernsehen wirkten.
Keiner machte den Eindruck von Erleichterung oder gar Befreiung.
Nein, ich finde, das Ausschlussverfahren verletzt die Verhältnismäßigkeit
dessen, was eine Partei an Widerspruch und Streit ertragen muss. Da
wirkt ein Fallbeil. . .
Die Welt: Wie kommt es zu dem Eindruck, nur der öffentliche
Druck habe die Union bewegt?
Baring: Sie ist innerlich befangen gegenüber allem,
was als rechts und dann auch gleich als rechtsradikal und rechtsextrem
gilt, und weistdies nicht zurück, sondern denkt, da müsse
man sich verteidigen. Das zeigt eine Schwäche und fehlende Kraft
der eigenen Überzeugung, auch dessen, was man mit Augenmaß
kritisieren muss.
Die Welt: Was sagt uns dieser Fall? Ist es ein Häutungsprozess
oder ein Zeichen politischer Führungslosigkeit?
Baring: Für mich drückt sich darin nur Schwäche
aus. Seit langem ist klar, dass die Union ein Drittel ihrer Anhänger
verloren hat, die in die rechte Mitte hineingehören, für die
früher Franz Josef Strauß und Alfred Dregger typisch waren.
Diese Leute enthalten sich heute der
Stimme, gehen nicht mehr wählen. Geringe Wahlbeteiligung hält
man oft in Demokratien für "normal", etwa in Amerika.
Aber in den USA sind
dies Leute, denen es im positiven Sinne egal ist, wer sie regiert, weil
das ihr Lebensgefühl und ihre Lebensplanung nicht berührt.
In Deutschland haben wir enttäuschte, verdrossene Wähler.
Die Welt: Das, was Sie als Schwäche attestieren,
scheint die andere Volkspartei SPD auch zu treffen. Der innere Kern
schmilzt, man verliert traditionelle Milieus, ist an Trends orientiert,
droht sich selbst zu verlieren ...
Baring: Ich habe den Eindruck, dass die eigentliche
Krise des Parteiensystems darin liegt, dass wir von einem Zuteilungsstaat
zu einem Zumutungsstaat werden und dafür kein Vokabular haben.
Der wichtigste Grund, Wolfgang Clement zuzustimmen, wenn er Patriotismus
einfordert, ist, dass die neue Situation eine andere Rhetorik
verlangt. Man muss den Menschen sagen: Ja, wir haben in derVergangenheit
die Probleme gelöst, wir waren doch in der Nachkriegszeit ein tüchtiges
Volk, haben dieses Land wieder nach oben gebracht.
Wenn ich heute Vorträge über Lehren der deutschen Geschichte
halte, dann erwarten alle Zuhörer, dass ich über die Hitlerzeit
reden werde.
Vergangenheit ist für viele Deutsche dieses Jahrzwölft. Ich
widerspreche unserem Außenminister leidenschaftlich, wenn er sagt,
die Franzosen haben 1789, die Engländer und Amerikaner ihre langen
demokratischen Traditionen, aber unsere Identität ist Auschwitz.
Eine solche Katastrophe muss man natürlich in Erinnerung halten.
Sie wird den Deutschen niemals abgenommen werden, einen Schlussstrich
wird es nie geben. Aber eine derartige Katastrophe kann nicht Grundlage
des eigenen Selbstwertgefühls sein. Jeder Mensch, der überleben
will in dieser schwierigen und wirren Welt, kann das nur, wenn er das
Gefühl hat, ein halbwegs anständiger Mensch zu sein. Das gilt
auch für Völker. Reformen kann es nur geben, wenn wir uns
aufraffen und künftig eine bessere Meinung von uns haben als bisher.
Die Welt: Warum fehlt der Union die innere Führung
und auch die intellektuelle Stimme?
Baring: Von den führenden Leuten hat sich doch
niemand ernsthaft mit der Frage befasst, wie wir mit der Geschichte,
die mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt, umgehen sollen.
Wie bringt man die Zeit vor 33 und die Nachkriegszeit mit der unsäglichen
Zeit dazwischen in einen plausiblen Zusammenhang? Ich bin für ein
Bild: Unterhalb der deutschen Eiche liegt eine dicke Betonplatte. Horizontal,
in der Tiefe. Diese Platte heißt Drittes Reich. Sie führt
dazu, dass unser Baum sehr viel
mehr Zeit brauchen wird, um sich wirklich im Boden zu verankern. Er
ist sturmgefährdet. Das ist einer meiner wichtigsten Einwände
gegen das Ausschlussverfahren. Wie will diese Partei wirkliche Krisen
bewältigen, wenn sie schon im Falle Hohmanns in ein starkes Schwanken
gerät? Die Bevölkerung spürt das ja und ist viel intelligenter,
sieht das Unwürdige des Verhaltens.
Die Welt: Man spürt eine große Kluft zwischen
Elite und Bevölkerung bei beiden großen Parteien.
Baring: Von Elite würde ich gar nicht reden. Die
hat seit 1989 geschwiegen. Unsere Meinungs- und Sinnträger wie
Grass oder Habermas haben zur Reflexion der Probleme der Zeit und zur
Bewältigung ihrer Krisenhaftigkeit wenig beigetragen. Aber auch
die Wissenschaft und die intellektuellen Milieus sind sehr verunsichert.
In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren hatten
wir eine Fülle von Büchern über die Krise des Parteienstaates,
was ich damals absurd fand. Heute haben wir eine wirkliche Krise sowohl
des Parteiensystems als auch der Verfassungsordnung - und es herrscht
Schweigen im Walde. Das spürt die Bevölkerung.
Die Welt: Ist es ein Zufall, dass die Hohmann-Affäre
zusammenfällt mit dem Eindruck, dass in diesem Land doch seit zwei,
drei Jahren neue, jüngere Stimmen nach einer anderen Selbstwahrnehmung
fragen. Die eigenen Opfer wahrzunehmen: Vertreibung, Flucht, Städtebombardement?
Sind dies zwei Seiten einer Medaille?
Baring:
Ob das der rückschauenden Betrachtung eines Tages so erscheint,
weiß ich nicht. Ich habe zunächst die Zeitenwende des Jahrhunderts,
ja den Jahrtausendwechsel sehr deutlich als tiefen Einschnitt empfunden.
Als das Jahrhundert zu Ende ging, waren alle mehr oder weniger der Meinung,
es handele sich nicht um einen Umbruch, sondern nur um eine Bodenwelle.
Man fuhr nicht nach New York, sondern feierte dann einfach zu Hause.
Kurz danach, als man immer 2000 statt 1999 schrieb, rückte das
ganze 20. Jahrhundert rasch in eine historische Perspektive. Wir redeten
plötzlich vom "vorigen Jahrhundert", so wie wir unser
Leben lang vom "19. Jahrhundert" gesprochen hatten. Diese
Entfernung ist immer wichtiger geworden und wohl auch eine Erklärung
dafür, dass jetzt auch über die deutschen
Opfer gesprochen wird.
Die Welt: Man kann dies als einen Normalisierungsprozess
betrachten. Es gibt andere, die eine Linie ziehen von Martin Walser
über Jörg Friedrich hin zu Martin Hohmann, die sagen, die
Schamlosigkeiten nehmen zu. Könnte nicht das Fatale des Falles
Hohmann sein, dass nun ein bräunliches Irrlichtern ausgelöst
wird ...
Baring: Das Braune, das Rechtsextreme ist doch völlig
ausgebrannt in Deutschland. Das ist der größte Unterschied
etwa zu Frankreich und Österreich. Wenn die Republik eine Krise
erleben wird, die in große Konfrontationen mündet, dann werden
sie von der Linken getragen sein, die auch zuhauf über intellektuelle
Fürsprecher verfügt. Die hat die Rechte doch überhaupt
nicht. Und im Rechtsradikalen ist wirklich
nichts von intellektuellem Gewicht, da findet man in Verfassungsschutzberichten
eigentlich nur minderbemittelte Hauptschüler.
Die Welt: Wenn "rechts" ein Schimpfwort ist,
wie setzt sich dann das "konservativ sein" davon ab?
Baring: Wichtiger zur Erklärung der Stigmatisierung
von allem, was sich rechts oder konservativ nennt, sind die Wellen des
Antibürgerlichen, ja des Bürgerfeindlichen, die über
dieses Land hinweggegangen sind. Das fängt an mit der Inflation
nach dem Ersten Weltkrieg, setzt sich fort bei Kommunisten wie Nationalsozialisten
und
dann später bei den 68ern und natürlich in der DDR. Das bürgerliche
Element in Deutschland ist in einem Maße geschwächt, wie
es nicht einmal für Polen gilt, das inzwischen über einen
vitalen Mittelstand verfügt. Verglichen mit England, Frankreich
und Amerika sind wir arm an selbstbewussten Mittelschichten. Damit geht
eine Berechenbarkeit verloren. Aristoteles sagte in der Antike: Von
den Mittelschichten
lebt die Demokratie. In den modernen Gesellschaften auch.
Die Welt: Dann ist ja das eigentliche Problem, das
wir haben, eines der Mitte und nicht der Ränder?
Baring: Ja, diese berechenbare, verlässliche Bürgerlichkeit
fehlt. Warum die Reformen nicht funktionieren werden, liegt doch daran,
dass wir im Lande eine breite Staatsabhängigkeit haben und ein
selbstverantwortliches Bürgertum nicht existiert. Das Land braucht
Aufbruchstimmung. Zu ihr wird es nur kommen, wenn sich die Krise wirklich
zuspitzt, bis hin zu Einbrüchen, die wir uns heute überhaupt
noch nicht vorstellen können.
© Die WELT vom 18.11.03 |