„Die
energische Bürgerbewegung kommt“
Der Berliner Historiker Arnulf Baring ruft die Bürger auf,
sich in die Politik einzumischen. Nur so könne der lähmende
Stillstand überwunden werden („Welt am Sonntag“ vom
28.12.03)
WELT am SONNTAG: Herr Professor Baring, welches Resümee ziehen
Sie am Ende dieses politisch brisanten Jahres?
Arnulf Baring: Das Resultat war kümmerlich, bedenkt man,
dass wir seit dem 14. März eine pausenlose Reformdebatte hatten,
bei der alle den Mund sehr voll genommen haben. Außerdem habe
ich das Gefühl, dass wir schon am Ende dessen angelangt sind, was
mit der SPD zu machen ist. Deshalb fällt meine Prognose für
das nächste Jahr eher düster aus: Es geht weiter bergab, denn
das politische Personal bleibt ja dasselbe. Die Folgen sind besonders
für die jüngere Generation fatal. Wir konsumieren im Augenblick,
was unsere Kinder und Enkel erst erwirtschaften müssen. Wir leben
von der Substanz.
WamS: Hätte die Union dieselben Probleme wie die jetzige Bundesregierung,
wenn sie an der Macht wäre?
Baring: Ich bin davon überzeugt, dass die Union und die
FDP viel größere Probleme hätten, weil die gesammelte
Linke ihnen mit großer Entschlossenheit in den Arm fallen würde.
Ich bin froh, dass es eine SPD-geführte Regierung ist, die das
Ganze in Gang bringt. Aber ich bin doch erstaunt, wie mühsam das
ist. Schon Roman Herzog hat gesagt, wir hätten kein Erkenntnis-,
sondern ein Umsetzungsproblem. Wir haben beides.
WamS: Wie in einem System kommunizierender Röhren
fällt derzeit die Bundesregierung in der Gunst der Wähler
und steigt die Opposition gleichzeitig auf ungeahnte Höhen - obwohl
doch beide großen Volksparteien für die Misere dieses Landes
mitverantwortlich sind. Eine dritte Alternative, also eine neue Partei,
erhält keine Chance. Warum ist der deutsche Wähler so konservativ,
so leidensfähig, so fantasielos?
Baring: Weil er es einfach so gewohnt ist. Denken Sie nur an
den Euro - wurde der Bürger denn gefragt, ob er die D-Mark aufgeben
möchte? Oder die ständig wachsenden Schulden - es gibt einfach
keine Adressaten, wenn der Bürger etwas nicht will. Die Liberalen
wären als Sprecher staatlicher Sparsamkeit noch am ehesten dazu
in der Lage, sind aber derzeit völlig aus dem Spiel. Ich glaube
jedoch, dass die fortschreitende Krise eine energische Bürgerbewegung
erzwingen wird. Irgendwann wird den Leuten der Geduldsfaden reißen.
WamS: Ihrem viel beachteten Aufruf "Bürger auf die Barrikaden"
sind die Menschen nicht gefolgt. Statt Steuern zu verweigern, geben
sie sich nun damit zufrieden, etwas weniger bezahlen zu müssen.
Statt mit umfassenden Strukturreformen klingt das Jahr 2003 also mit
einem bescheidenen Reform-Kompromiss aus, von dem voraussichtlich kein
Impuls ausgehen wird. Was macht die Deutschen so lethargisch?
Baring: Die meisten Bürger können die Steuern gar
nicht verweigern, weil sie abhängig beschäftigt sind. Im Übrigen
hatte ich das mehr symbolisch gemeint: Ohne eine große Aufwallung,
die den Bürger zum aktiven Handeln bringt, wird sich nichts in
diesem Land verändern.
WamS: Müssen die bürgerlichen Kräfte die Aggressivität
und Radikalität der Linken, ihren politischen Einfallsreichtum
und ihre wirkungsvolle Semantik übernehmen, um, ähnlich wie
einst die 68er, die Verkrustungen der Gesellschaft aufzubrechen? Frei
nach dem Motto der Band "Ton Steine Scherben": "Macht
kaputt, was euch kaputt macht!"
Baring: Für eine Rebellion des Bürgertums sehe ich
wenig Chancen. Das Bürgertum hatte in Deutschland immer eine schwache
Position, neigte nie zur Revolution. Dennoch könnte etwas Neues,
Überraschendes von Bürgerbewegungen wie dem Liberalen Netzwerk,
der "Neuen Sozialen Marktwirtschaft", dem Bürgerkonvent
oder dem Konvent für Deutschland ausgehen. Diese Bewegungen sind
möglicherweise künftig in der Lage, viele Menschen zu erreichen,
ein kritischeres Bewusstsein für unsere Lage zu schaffen und energisches
Handeln in die Wege zu leiten. Bisher wirken sie zahnlos.
WamS: Muss die Bürgerbewegung nicht endlich aus ihren Konventen
heraus auf die Straße, um bei der Politik Eindruck zu machen?
Baring: Es reicht schon, wenn eine dieser Bewegungen zu einer
großen Briefaktion aufrufen würde, vergleichbar mit der Paketaktion
"Das letzte Hemd" im vergangenen Frühjahr. Natürlich
sollten sich dann viele Menschen an solchen Aktionen beteiligen, eine
halbe Million, eine Million, zwei Millionen, um bei dieser schwerhörigen
Regierung Reaktionen auszulösen. Was könnte der Inhalt sein?
Beispielsweise ein Verbot weiterer Schuldenaufnahme bei einer in die
Billionen gehenden Staatsverschuldung. Oder dass Sozialleistungen des
Staates von Gegenleistungen der Empfänger, also öffentlichen
Arbeiten, abhängig gemacht werden, soweit es sich nicht um Alte,
Kranke und Mütter kleiner Kinder handelt. Es wird aber erst dann
etwas geschehen, wenn die Lage noch viel schlimmer ist.
WamS: Ist das Warten auf den Zusammenbruch genug? Oder gibt es
Chancen des individuellen Engagements, um die gesellschaftliche Dynamik
zu beschleunigen?
Baring: Berlin ist ein denkbar schlechter Ort, um diese Möglichkeiten
zu beurteilen, weil die Berliner Bevölkerung zu wenig repräsentativ
für Deutschland ist: zu wenig Reiche, zu wenig Selbstständige,
zu wenig Wirtschaft, zu viele Arme. Wenn Sie mich direkt fragen: Ich
selbst bin kein Organisator, ich habe weder ein großes Büro
noch das notwendige Geld. Nur wer über dergleichen verfügt
und auch einen Sinn für radikale Fragestellungen hat, wird etwas
auf die Beine stellen.
WamS: Verdienen wir keine klugen und mutigen Politiker - weil
wir selbst nicht klug und mutig sind?
Baring: Die Spitzengruppe im Bundestag sieht natürlich
anders aus als der große Tross, der dort sitzt. Es gibt tatsächlich
viel Mittelmäßigkeit in der deutschen Politik, was ja auch
damit zusammenhängt, dass wir 16 Landesparlamente zu füllen
haben. Wie die Erneuerung Deutschlands wird auch die Erneuerung der
Parteien nur unter großen Schockeinwirkungen erfolgen. Nur wenn
die Parteien sehen, dass bekannte Persönlichkeiten aus den Bürgerbewegungen
zu kandidieren anfangen, werden sie aufwachen. Irgendwann muss eine
Bürgerbewegung auch die Machtfrage stellen.
WamS: Woran krankt das politische System unseres Landes vor allem?
Baring: Ich glaube, dass in erster Linie das Parteiensystem,
aber auch die Verfassung dringend reformbedürftig ist. Das Parteiensystem
ist wie eine Kaste abgeschottet. Es ist das Problem aller Parteien,
dass sie sich nie mit der Frage beschäftigt haben: Wie bekomme
ich eine fähige, mutige, menschlich überzeugende politische
Führung, wie bilden wir Leute heran, die unsere Ideen kreativ vertreten,
mit Urteilsfähigkeit, Risikobereitschaft und Verantwortungsgefühl?
Wir haben seit Jahrzehnten die Zustimmung der Demokratie durch Sozialleistungen
erkauft, die längst nicht mehr finanzierbar sind. Deshalb auch
die larmoyante Passivität im Land.
WamS: Was sollte am Grundgesetz geändert werden? Und was
erwarten Sie dabei von der Bund-Länder-Kommission, die die Verfassung
reformieren soll?
Baring: Nicht viel, denn die Zusammensetzung schließt
substanzielle Ergebnisse von vornherein aus. Die Ideologie der Konsensgesellschaft,
dass alle gemeinsam zusammenwirken müssen und letztlich keiner
verantwortlich ist, macht es natürlich verlockend, weiter zu verfahren
wie bisher. Aber nur mit klarer Verantwortung und mit der Bereitschaft,
für Risiken einzustehen und ihnen möglicherweise sogar zum
Opfer zu fallen, werden wir erfolgreich die Erstarrungen in Deutschland
aufbrechen. Entweder wird man darauf hinwirken, dass wir einen wirklichen
Föderalismus bekommen, mit eigenen Verantwortlichkeiten und eigenen
Finanzquellen, oder man muss ihn abschaffen. Wir haben längst keinen
Wettbewerbsföderalismus mehr, sondern einen fatalen Zwang zur Schaffung
gleichartiger Lebensverhältnisse auf Kosten der Stärkeren
und Tüchtigeren. So großartig die Schaffung der alten Bundesrepublik
zu ihrer Zeit auch war, heute bedarf das gesamte Verfassungssystem einer
grundlegenden Revision.
WamS: Was geschieht, wenn der Aufschwung tatsächlich 2004
kommt?
Baring: Wenn die ersten Konjunkturdaten nach oben zeigen und
vielleicht auch einmal wieder eine Landtagswahl für die SPD gewonnen
ist, wird sich die Regierung wieder in den Sessel zurücklehnen
und - angesichts des mächtigen Widerstands in den Gewerkschaften
- den Reformen endgültig Adieu sagen.
WamS: Die Wahl des Bundespräsidenten ist immer auch ein
Indikator für die Machtverhältnisse im Land. Wer wird es Ihrer
Meinung nach im Frühjahr 2004 werden?
Baring: Es müsste jemand sein, der Optimismus ausstrahlt,
zugleich schonungslos Klartext redet und durch beides der Regierung
den Boden bereitet, die das eigentliche Reformwerk zu Ende bringen muss.
Ich könnte mir einen Mann wie Hans-Olaf Henkel sehr gut in diesem
Amt vorstellen, gebildet, rednerisch begabt, mit überraschenden
Ideen und selbstbewusstem Auftreten.
Das Gespräch führten Ulf Poschardt und Heimo Schwilk
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