"Ein Hauch des Provinziellen"

Vor 20 Jahren, am 9. Februar 1984, trat Eberhard Diepgen das Amt des Regierenden Bürgermeisters an. Der Historiker Arnulf Baring über das Ende einer Ära

Anfangs war ich gegen ihn. Als sich 1984 Richard von Weizsäcker aus der Berliner Politik verabschiedete, um Bundespräsident zu werden, ging es um seine Nachfolge. Gemeinsam mit einigen Freunden war ich für Hanna-Renate Laurien. Die tatkräftige, populäre Schulsenatorin war 1981 aus Rheinland-Pfalz nach Berlin gekommen, um gemeinsam mit einer ganzen Reihe anderer Westdeutscher, tüchtige Leute, dem Westteil der Stadt unter Weizsäcker zu einem neuen politischen Anfang zu verhelfen.

Wir fanden, dass sie, nicht Diepgen, am geeignetsten für die Nachfolge sei, gründeten eine Bürgerinitiative, die breiten Zuspruch fand. Unser Slogan war "Vater geht, Mutter bleibt", was sogar in der politischen Linken positiv aufgenommen wurde. Die "taz" titelte damals (die Nachrüstungsdebatte lag ja erst kurz zurück): "Hanna-Granata wird stationiert." Leider nicht. Obwohl ihre Kandidatur auf dem maßgeblichen Landesparteitag respektablen Widerhall fand, kam sie nicht zum Zuge. Diepgen, der durch seine feste Verankerung in der Berliner CDU schon Weizsäcker den Rücken freigehalten hatte, konnte eine komfortable Mehrheit für sich mobilisieren.

Eberhard Diepgen wurde also Regierender Bürgermeister und blieb es - mit kurzer Unterbrechung - fünfzehn Jahre, zwei Monate und einige Tage lang. Fast konnte man sich Berlin im Laufe der Zeit ohne ihn nicht mehr vorstellen. In den späten 90er-Jahren meinte ein CDU-Senator scherzhaft, man solle die Verfassung dahin ändern, dass in ihr künftig stünde: "Der Regierende Bürgermeister heißt Eberhard Diepgen."

Man hatte sich an ihn gewöhnt, fand ihn zunehmend sogar gut. Warum? Diepgen vermittelte den Eindruck, seriös, arbeitsam und persönlich untadelig für die Belange Berlins und der Berliner einzustehen, tatkräftig Probleme der Stadt anzupacken, also bei Stadtteil-Belangen ebenso kenntnisreich und aktiv zu sein wie auf der weltpolitischen Bühne, auf der sich jeder Regierende bis 1990 in gewissem Umfange bewähren musste. Es war bekanntlich eine der schwierigen Anforderungen des Amtes damals, dass der für Berlin Verantwortliche wie auf einer Leiter zwischen Lokal- und Weltpolitik unablässig auf- und absteigen musste, sich auf allen jeweils maßgeblichen Ebenen zu bewähren hatte. Er hatte gut informiert über die Angelegenheiten aller lokalen Kieze zu sein. Aber genauso wichtig war, die Landes- und Bundespolitik im Griff zu haben. Überdies war unerlässlich, als Spitzenrepräsentant der Stadt bis hinauf nach Washington, Paris und London eine gute Figur zu machen. Willy Brandt bemerkte einmal, er habe das Amt des Berliner Regierenden viel anstrengender gefunden als das des Bundeskanzlers.

Das war die Lage während der Zeit der Spaltung, als immer wieder neu der Status und die Lebensfähigkeit von "Berlin(West)" - statt des von der SED angestrebten "Westberlin" - gesichert werden mussten. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands sah sich der Senat vor eine ganz und gar andere, auf ihre Art aber ebenso schwere Herausforderung gestellt: nämlich den maroden Ostteil der Stadt umfassend zu sanieren. Diese Aufgabe, hieß es in jenen Jahren, absorbiere 70 Prozent der Energie des gesamten Senats. Wenn bei der Lösung dieses Problems soziale Unruhen ausblieben, war das sicherlich nicht zuletzt Eberhard Diepgen zu verdanken, mochte auch das alte West-Berlin maulen, er wirtschafte allzu sehr aus dem Vollen, bevorzuge dabei einseitig den Ostteil der Stadt

Diepgens unermüdlicher, umsichtiger Einsatz für die Belange Berlins beeindruckt auch im Rückblick, selbst wenn man zugeben muss, dass ihm der unvergleichliche Stil, die souveräne Ausstrahlung seines Vorgängers immer abgingen. Niemand konnte bei ihm auf den Gedanken kommen, er habe einen künftigen Bundespräsidenten vor sich. Nicht von ungefähr nannten ihn kritische Abgeordnete den "blassen Eberhard". Diepgen - wie übrigens auch seinen Nachfolger - umweht ein Hauch des Provinziellen. Dem einen ist die Verwurzelung im Wedding ebenso anzumerken wie dem anderen seine Tempelhofer Herkunft. Beiden schien immer die Einsicht fern zu liegen, eine Hauptstadt müsse weit ins Land, ja über die Grenzen Deutschlands hinaus wirken. Das ergibt sich nicht von allein, setzt eine kollektive Anstrengung voraus. Man muss die Energien der Nation sammeln, bündeln, bei aller Bescheidenheit selbstbewusst ausstrahlen lassen. Wenn man nach wie vor nur eine Geschäftsstelle für Bundesangelegenheiten zu brauchen glaubte, hätte man lieber im ruhigen Bonn bleiben sollen.

So weit solche Feststellungen vorwurfsvoll klingen, ist das sicher teilweise ungerecht. Denn alle Politik ist in erster Linie lokal. Kommunalpolitik ist es weithin auf jeden Fall. Es lag jedenfalls wesentlich nicht an Diepgen, wenn die Entscheidung über den Sitz des Bundes wie ein Schönheitswettbewerb zwischen Bonn und Berlin behandelt wurde. Es wäre von Anfang an Sache des Bundes gewesen, energisch gestaltend die Initiative zu ergreifen, also eine stimmige Konzeption für die rechtliche, repräsentative und kulturelle Ausgestaltung der neuen Hauptstadt zu entwickeln, dann in ganz Deutschland zur Diskussion zu stellen und anschließend zügig in die Tat umzusetzen. Die Berliner Stadtverwaltung konnte da aus Eigenem nur wenig beitragen.

Ein berechtigter Grund für das Zögern Diepgens, die Strukturkrise der Stadt öffentlich klar zu benennen, lag außerdem bis 1999 in der Sorge, der Umzugsbeschluss vom Jahre 1991 könnte doch noch gekippt werden, wenn die Misere Berlins allzu offenkundig werde.

Bekanntlich hat der Bund volle acht Jahre gebraucht, bis er sich vom Rhein an die Spree bequemte. Und jetzt? Man hat immer noch nicht den Eindruck, dass die seit Jahren in Berlin versammelten Bundesorgane inzwischen eine gemeinsame Vorstellung vom künftigen Bild der Hauptstadt entwickelt hätten. Bisher merken sie gar nicht, was fehlt. In welchen Rechtsformen, mit welchem Stil, welcher Würde darf oder muss sich eine deutsche Hauptstadt des 21. Jahrhunderts den Deutschen und der übrigen Welt präsentieren?

Auf diese Frage konnte Diepgen keine Antwort finden. Aber hat er sie überhaupt gesucht? Wowereit ist da übrigens nicht besser. Auch er ließ bisher die Hauptstadt-Diskussion vor sich hin dümpeln, als ginge sie ihn eigentlich nichts an.

(08.02.2004)