Es
fehlen die bürgerlichen Schichten
Weil
die Eliten fehlen, die sie kreativ einsetzen, können die Transfermilliarden
im Osten keine Früchte tragen
Das Ziel der enormen Transferleistungen von West- nach Ostdeutschland,
also die Herstellung gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West,
ist unerreichbar.
Diese Feststellung dürfte an sich nicht überraschen, denn
sie ist die Folge massenhafter Abwanderung - eine Tatsache, die allerdings
viel zu wenig öffentliche Erwähnung findet.
Seit 1945 bis zum Mauerbau, in gewissem Umfang selbst danach und sehr
massiv wiederum nach der Wiedervereinigung haben vier bis fünf
Millionen Menschen die frühere DDR verlassen (nach 1990 allein
noch einmal zwei Millionen). Das hat zu einer dauerhaften Schwächung
kreativer Kräfte der dortigen Gesellschaft geführt. Es ist
ganz offenkundig, dass jene Mentalität, die lange Zeit zum Beispiel
Baden-Württemberg so bedeutend gemacht hat in der industriellen
Welt - dieser Erfinder- und Tüftlergeist, diese Kreativität
der Mittelschichten und des Bürgertums - in der ehemaligen DDR
heute weit gehend verschwunden ist.
Wenn man durch irgendeine mittel- oder ostdeutsche Stadt geht - nicht
gerade in Dresden, wenn die Oper aufmacht, oder in Leipzig, wenn Messe
ist, sondern in den übrigen kleineren Städten -, dann legt
ein Blick auf die Menschen in den Straßen nahe, dass diese beschriebene
Art von Kreativität nicht mehr in dem nötigen
Maße vorhanden ist. Es geht dabei nicht in einem denunziatorischen
Sinn um "dümmere" Teile der Bevölkerung, sondern
um die weit gehende Abwesenheit kreativer, unternehmungsbereiter Schichten.
Über diesen Mangel kann man nicht hinwegsehen.
Es ist ganz klar: Wenn etwa sechs Millionen seit 1945 aus diesem Gebiet
abgewandert sind, waren dies wahrscheinlich die Wacheren und Begabteren,
die die frühzeitig absehbare Krisensituation der DDR besser erkannten,
erfolgreicher auf sie reagierten. Das SED-Regime wollte ganz bewusst
das Bürgertum ausschalten, war lange froh, dass die Bürgerlichen
abwanderten.
Es gibt Bücher, traurige Bücher, die den großen Anteil
der Zuwanderer an der intellektuellen Ausstrahlung der Bundesrepublik
(alt), ihren Anteil am westdeutschen Wirtschaftswunder aufgezeigt haben.
Es ist ganz erstaunlich, wie viele Leute aus der früheren DDR eine
führende Rolle im intellektuellen, künstlerischen, wissenschaftlichen
und natürlich gerade auch im Wirtschaftsleben der Bundesrepublik
gespielt haben. Es wäre doch seltsam, wenn das dort, wo sie heute
fehlen, keine Folgen hätte.
Dieser Verlust hat historisch noch weitere Dimensionen. Schon die Abwanderung
und Vernichtung der Juden hat Deutschland entscheidend geschwächt.
Unser Land wird nie wieder das Deutschland sein, das es vor 1933 war
oder während der Kaiserzeit - zum Beispiel wissenschaftlich, wie
man an der Zahl der Nobelpreise für Deutsche sehen kann. Das ist
ein großer Aderlass gewesen.
Der Aderlass an Bürgerlichkeit, an mittelständischer Verantwortungs-
und Innovationsfähigkeit, den danach, nach 1945, speziell der heutige
deutsche Osten zu verkraften hatte, ist eine ebenso unabweisbare Tatsache.
Wenn man sie nicht benennt, wird man nicht verstehen, warum die Transferleistungen
von West- nach Ostdeutschland keine Früchte tragen können.
Noch dazu wird in 40 Jahren die Hälfte der Bevölkerung der
früheren DDR altersbedingt verschwunden sein. Mit einer massenhaften
Zuwanderung aus dem Westen ist nicht zu rechnen. Starke Zuwanderung
aus dem Ausland würde Ängste auslösen.
Deutschland insgesamt ist ein Schrumpfgebilde. Dass man das besonders
dramatische Problem des Ostens öffentlich nicht wirklich umfassend
erörtert, ist ein enormes Versäumnis - aller Parteien und
Politiker.
© Die Welt, 03.09.2004
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