Das große
Feuer
Im ZDF geht Dresden verkitscht und nach dem neuesten
Stand politischer Korrektheit unter
von Arnulf Baring
"Dresden" will zu viel. Der Film will es allen recht machen.
Er ist ein ängstlicher Kompromiß, der den heutigen Stand
politischer Korrektheit nie aus den Augen verliert. Niemand soll ihm
nachsagen können, er sei in eine falsche Richtung (was ist das
eigentlich heute, bei diesem Thema?) abgebogen. Also verhebt und verrenkt
er sich am Stoff, scheitert mit seinem rundum bemühten, aber kenntnisarmen
guten Willen.
Die erzählte Geschichte braucht lange, allzu lange, bis sie zum
eigentlichen Thema kommt. Da wird im Januar 1945 ein englischer Pilot
auf dem Heimflug von Magdeburg, das er gerade gemeinsam mit seinen Kameraden
bombardiert hat, abgeschossen. Er kann sich retten, wenn auch durch
einen Bauchschuß schwer verletzt, und flieht Hunderte von Kilometern
weit nach Osten, ausgerechnet nach Dresden. Er versteckt sich im Keller
eines Krankenhauses, das mit schwerverletzten deutschen Soldaten überfüllt
ist, wird dort von einer jungen Frau entdeckt, die ihrem Vater zuliebe,
der hier Chefarzt ist, Krankenschwester geworden ist. Obwohl sie gerade
mit einem jungen, etwas verklemmten Arzt aus kleinen Verhältnissen
verlobt werden soll, verliebt sie sich, was man verstehen kann, in den
jungen Briten. Er, nicht Dresden, ist und bleibt die Hauptfigur des
Films.
Auf der großbürgerlichen Verlobungsfeier erscheint unser
Pilot (er hat sich inzwischen ein Lazarettbett ergattert, aber auch
eine deutsche Uniform nebst Eisernem Kreuz) als strahlender Leutnant.
Er tanzt mit seiner Flamme den ersten Tanz, versteckt sich mit ihr,
während unten die Feier weiter geht, auf ihrem elterlichen Dachboden.
Sie will mit ihm fliehen, aber wird entdeckt und eingeschlossen, kommt
allerdings frei. Der Engländer bleibt, medikamentös betäubt,
auf dem Dachboden liegen, vorerst. Fühlt man sich nicht an Hedwig
Courths-Mahler erinnert? Meine Frau jedenfalls war an dieser Stelle
schon fest eingeschlafen.
Der Chefarzt bereitet währenddessen die Flucht seiner Familie in
die Schweiz vor, wobei er sich der Hilfsdienste eines Mitarbeiters des
Gauleiters Mutschmann bedient (dessen Unterschrift ich als Kind täuschend
echt nachmachen konnte). Mutschmann ist an Morphium interessiert, das
der Chefarzt skandalöserweise hortet, statt den Schwerverwundeten
seines Lazaretts bei ihren Operationen Erleichterung zu verschaffen.
Am 13. Februar 1945, dem Abend, an dem Dresden bombardiert werden wird,
zur gleichen Zeit, will der Chefarzt seine Familie abreisen lassen.
Pässe und einen Koffer mit Schweizer Franken hat Mutschmann ihm
verschafft. Aber alles geht schief. Später wird uns der Chefarzt
noch einmal begegnen, wenn er mit einem Auto durch die brennenden Straßen
fährt (als ob das in jener Nacht möglich gewesen wäre!)
und ihm empörte Volksgenossen Wagen und Koffer rauben. Man sieht
die Franken brennend durch die Luft fliegen. Welcher Kitsch, immer wieder.
Was hätte das Thema dieses Films sein müssen? Der Untergang
einer ganzen Welt. Millionenfach sind im Zweiten Weltkrieg in Deutschland
bürgerliche Lebenswelten vernichtet worden: Möbel, Bücher
und Bilder, Porzellane, Bestecke und alte Uhren, Familienphotos und
Briefbündel - all das, was bürgerliche Interieurs ausmacht.
Bibliotheken, Archive sind verbrannt, in denen sich städtische
Geschichte verdichtete. Wenn uns Deutschland seit dem Kriege so erinnerungsarm
und wurzellos erscheint, liegt das auch daran, daß durch die großen
Feuer sehr viel ausgelöscht wurde, was uns in den Familien mit
den Vorfahren verband. Solche Schicksale aus verschiedenen sozialen
Milieus wären das eigentliche Thema dieses Films gewesen, die Schilderung
des Vorher und Nachher. Statt dessen tippt der Film viele Themen oberflächlich
an, fuhrwerkt mit ihnen herum. Ich habe bei diesem Film keinen einzigen
Menschen wirklich kennengelernt. Im ersten Teil wurde ausführlich
das gepflegte Ambiente des gutbürgerlichen Chefarzthaushalts gezeigt.
Gibt es das Haus nach den Angriffen noch? Was ist aus der Familie geworden?
Was geschah mit dem Krankenhaus und seinen Insassen? Ich kann mich an
ein Lazarett erinnern, an dem ich im Morgengrauen des 14. Februar 1945
halb blind vorübertappte. Wir stiegen über Dutzende von Leichen.
Und wie steht es zu dieser Zeit mit den Kindern in ihren Faschingskostümen,
die am Vorabend in der Stadt unterwegs waren? Niemand wird es in diesem
Film erfahren. Wo bleiben überhaupt die vielen, vielen Kinder,
von denen Dresden damals voll war? Dresden war im Frühjahr 1945
eine Stadt der Frauen und Kinder. Weshalb vergißt die Generation
der Filmemacher wohl heute die Kinder?
Es war eine ganz absonderliche Idee, einen englischen Piloten, obendrein
mit einer deutschen Mutter, zur zentralen Person dieses Films zu machen.
Dabei hätte doch der Untergang Dresdens unbedingt am Beispiel,
im Schicksal deutscher Bürger, Dresdner Bewohner verdeutlicht werden
müssen. Wollte man hier etwa dem menschenfeindlichen, verbrecherischen
Vernichtungswillen der Royal Air Force die Liebe eines Bomberpiloten
zu einer jungen Deutschen entgegensetzen. Aber ist das nicht blasphemisch?
Da geht eine Welt, stellvertretend für das Bürgertum ganz
Deutschlands, zugrunde, eine Kulturstadt des Barock, eben Elbflorenz,
und das wird in Beziehung gesetzt zur Geburt eines deutsch-englischen
Kindes! Das unklar Gefühlte, das Verhunzte solch schräger
Erwägungen läßt den ganzen Film verrutschen. In einem
anderen Film, zugegeben, hätte man auch aus der Geschichte des
Piloten etwas Interessantes machen können, zumal jetzt im Sigmund
Freud-Jahr: Da greift ein Engländer brutal das Land seiner Mutter
an. Aber zugleich ist er seiner Mutter innerlich treu, indem er eine
junge Deutsche zur Mutter macht.
Die positive männliche Hauptfigur ist ein Engländer.
Die negative männliche Hauptfigur ist der Chefarzt, der selbstredend
korrupte Repräsentant des Bürgertums. Wird uns hier nicht
suggeriert, daß wir sogar ein bißchen erleichtert sein können,
daß das Bürgertum nun verschwunden ist? Es fällt überhaupt
auf, daß die männlichen deutschen Hauptfiguren sämtlich
mehr oder weniger problematisch sind. Kein einziger ist so schön
und edel wie der Engländer. Glaubt man wirklich, es habe damals
keine großartigen, selbstlosen, hilfsbereiten, vorbildlichen Männer
unter den Deutschen gegeben? Haben hier deutsches Minderwertigkeitsgefühl,
deutscher Selbsthaß, hat der Haß auf die Väter wieder
einmal die Feder geführt? Es ist Unsinn, wenn der Produzent glaubt,
die Moral in der Zeit des Nationalsozialismus habe gelautet: Jeder gegen
jeden und jeder nur für sich selbst. Sind die Autoren vielleicht
so kaltschnäuzig wie der Chefarzt, und ist er deshalb ihre Feindfigur?
Im infernalischen Durcheinander des ersten Angriffs treffen wunderbarerweise
die junge Frau, ihr Verlobter und der englische Pilot mitten im brennenden
Stadtzentrum aufeinander. Trotz aller Hindernisse - zeitweilig wird
der Pilot verschüttet - erreichen sie die rettenden Elbwiesen.
Das Liebespaar überlebt. Auch meiner Tante Ursula gelang es, die
Elbwiesen zu erreichen. Mit einer Nachbarin schleppte sie auf einem
Sessel meinen Großvater, der bettlägerig war, und bettete
ihn unter der Albertbrücke. Auch sie überlebten. Aber mein
Großvater starb einige Tage später: Schock und Kummer hatten
ihm das Herz gebrochen. Alles, woran er gehangen hatte, war in Flammen
aufgegangen. Sogar das von ihm lebenslang mit Liebe betreute Familienarchiv,
das er vorausschauend ins Ländliche ausgelagert hatte, war durch
eine verirrte Bombe vernichtet worden - Lebenszeugnisse einer bürgerlichen
Familie aus fünf Jahrhunderten. Ursula blieb lebenslang unverheiratet.
Meine Patentante Minte von Kracht, die nicht weit von uns wohnte, blieb
verschollen. Sie ist bei dem Versuch umgekommen, ihre alten Eltern zu
retten. Meine andere Patin, Tante Poum, eigentlich Fräulein Hieke,
die ein entzückendes Biedermeierhäuschen am Elbufer bewohnte,
überlebte den Verlust von Haus und Habe, nahm sich aber Jahre später
verzweifelt das Leben. Sie hinterließ uns einen Abschiedsbrief:
Sie fühle sich zwar wie ein Baum, der immer noch große, ausladende
Äste habe, aber ihre Wurzeln seien verdorrt.
Meine Schulfreunde und Klassenkameraden hat das große Feuer in
alle Winde zerstreut. Wir haben uns nie mehr wiedergesehen. Von zweien
aus meiner Klasse weiß ich, daß sie von einstürzenden
Mauern erschlagen wurden.
Mein Vater kam am Morgen nach dem Angriff zu Fuß in die qualmende
Stadt. Der Zug aus Berlin war auf freier Strecke vor Dresden stehen
geblieben. Mit wachsender Verzweiflung sah er, daß überall,
wo Verwandte und Freunde gelebt hatten, nur noch rauchende, glimmende
Trümmer waren. Menschenleer. Vor dem Hause, in dem ich mit meiner
Großmutter gelebt hatte, glaubte er in der Leiche eines Jungen
mich zu erkennen. Doch dann fand er mich nach Stunden bei meinem Patenonkel
Hellmuth Zimmermann in Strehlen, einem Vorort. Später schrieb er
meiner Mutter, er fühle sich, als ob ich ihm neu geschenkt wäre
(schrieb aber meiner Mutter auch, daß er meine Fehler jetzt deutlicher
sähe).
Was gefällt an dem Film? Die Schauspieler machen ihre Sache gut.
Man spürt, daß ihnen die Schicksale jener Tage persönlich
nahegegangen sind. Der Film versucht redlich, das Inferno spürbar
zu machen. Naturgemäß gelingt das nur zum Teil. Was los ist,
wenn eine ganze Stadt brennt, die sengende Hitze, der Sturm - man kann
es nur andeuten. Meine Großmutter und ich - sie 66, ich zwölf
- hielten uns fest umklammert und hatten trotzdem große Mühe,
nicht fortgerissen zu werden. Zu dritt hatten wir das brennende Haus
verlassen, aber schon nach wenigen Schritten waren wir nur noch zwei.
Der ohrenbetäubende Lärm, die krachenden Balken, wie ein Mensch,
dem man die Knochen bricht, herabstürzende Steine, das Klettern
über Geröll, die Todesangst, im nächsten Moment erschlagen
zu werden, das Gefühl völligen Ausgeliefertseins, das ein
Leben lang nachwirkt: Wie sollte das ein Film, den man bequem im Sessel
ansieht, vermitteln können? Man hat es immerhin versucht, und das
rührt an. Aber dieser Film ist nicht Dresdens Requiem geworden.
Schade.
Die Welt, 06.03.2006
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