Bürger,
auf die Barrikaden !
Deutschland auf dem
Weg zu einer westlichen DDR
Von Arnulf Baring
Dem deutungsmächtigen Harald Schmidt entschlüpfte dieser Tage
eine hübsche Pointe. Wenn das mit der Entspannung zwischen Berlin
und Washington so weitergehe, sagte er, dann habe die Bundesregierung
bald zu Amerika ein besseres Verhältnis als zu Deutschland.
Damit traf er treffsicher gleich zwei Nägel auf den Kopf. Schmidt
weiß natürlich, daß das Verhältnis zu den Vereinigten
Staaten schwer beschädigt ist - und zwar auf unabsehbare Zeit.
Insofern gilt der eine Nagel dem Sarg einer jahrzehntelang vertrauensvollen,
ja freundschaftlichen Beziehung zu den Vereinigten Staaten, ohne die,
wie jedes Schulkind weiß oder wissen sollte, das wiedervereinigte
Deutschland keine stabile Position in Europa halten kann. Weil der Kanzler
das Ausmaß des Debakels, das er in Amerika angerichtet hat, immer
noch nicht begriffen zu haben scheint, bemüht sich die Regierung
krampfhaft um den Anschein, die atmosphärische Störung ziehe
ab, man befinde sich längst auf dem Wege der Normalisierung. Jedes
beiläufige Lächeln, ein Händedruck hier, ein förmliches
Ferngespräch dort, werden zum Beweis dieser These unters Volk gestreut,
obwohl jeder Kenner ahnt, daß Schröder auf Jahre hinaus keine
Chance hat, eine ordentliche Beziehung zum amerikanischen Präsidenten
wiederherzustellen. Schröder hat aus rein wahltaktischen, also
lediglich innenpolitischen Überlegungen ohne konkreten Anlaß
gegenüber George W. Bush sein Wort gebrochen. Er hatte ihm bei
dessen Berlin-Besuch im Mai zugesichert, Deutschland habe Verständnis,
wenn die Vereinigten Staaten Aktionen gegen Saddam Hussein für
notwendig hielten, es werde nichts dagegen sagen.
Mit seinem rabiaten Kurswechsel ein Vierteljahr später hat er es
nicht nur mit Bush Jr. verdorben, sondern auch mit Bush Sen., dem Vater
des vereinten Deutschland. Der damalige Präsident hat im Winter
vor dreizehn Jahren mit dem ganzen Gewicht seines Amtes unsere Wiedervereinigung
zustande gebracht, die weder in Paris noch gar in London, von Moskau
ganz zu schweigen, gewollt wurde. Jetzt ist er mit Recht enttäuscht
und gekränkt, wenn obendrein ein Mitglied des Berliner Bundeskabinetts
seinen Sohn, übrigens historisch abwegig, sogar mit Hitler vergleicht.
Bei alledem geht es natürlich nicht um eine Privatfehde zwischen
Schröder und den Bushs.
Auch in der breiten Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten ist
die Empörung über den treulosen Verbündeten groß.
Das kann nicht überraschen. Schröder hätte sich vor seinen
leichtfertigen Entgleisungen (von denen er vermutlich annahm, sie würden
in Amerika als wahlkampfbedingt verstanden werden und damit bald vergessen
sein) rechtzeitig an das Wort Winston Churchills erinnern lassen sollen,
der im Juni 1946 im Unterhaus sagte:
"There are no people in the world who are so slow to develop hostile
feelings against a foreign country as the Americans, and there are no
people, who, once estranged, are more difficult to win back" (Kein
Volk in der Welt entwickelt so langsam feindselige Gefühle gegen
ein anderes Land wie die Amerikaner, aber es gibt auch kein Volk, das
man so schwer zurückgewinnen kann, wenn es einmal befremdet worden
ist).
In seiner außenpolitischen Unbekümmertheit ist dem Kanzler
vermutlich bis heute verborgen, wie sehr er das Vertrauen in unsere
Berechenbarkeit und Verläßlichkeit auch innerhalb Europas
erschüttert hat. Die Folge ist eine drastische Minderung unseres
Gewichts. Er isoliert uns - das Schlimmste, was uns international zustoßen
kann. Während Chiracs Geschicklichkeit breites Lob findet und Blair
mit Genugtuung sieht, daß die Deutschen ihm seinen Platz des bevorzugten
Partners der Vereinigten Staaten nicht mehr streitig machen, hält
es der Kanzler seinerseits für richtig, Putin nicht nur demonstrativ
zu umarmen, sondern zugleich Verständnis für die Moskauer
Tschetschenien-Politik zu äußern. Wer den Völkermord
am Nordrand des Kaukasus kennt, ist verwundert über Gerhards naives
Vertrauen in Wladimirs Worte.
Aber Schmidts Hohn über Schröder angesichts des deutsch- amerikanischen
Zerwürfnisses wird noch gesteigert durch seine Behauptung, Berlins
Beziehungen zu Washington seien immer noch besser als das Verhältnis
der Bundesregierung zu Deutschland.
"Richtig", schrieb eine Berliner Tageszeitung. "Wir sind
nämlich auch eingeschnappt, und zwar viel stärker und mit
viel mehr guten Gründen als George Bush. Canossagang nach Washington?
Nein, durch Deutschland!"
Man hat den Eindruck, als habe die neu-alte Bundesregierung nach ihrem
Wahlsieg, der sie selbst verblüfft zu haben scheint, nie wieder
Fuß gefaßt, sie habe den Boden unter den Füßen
verloren. Es war von vornherein bodenlos, und zwar auf beiden Seiten,
bei Rot-Grün wie bei Schwarz-Gelb, den Wählern vor dem 22.
September wider besseres Wissen weiszumachen, die Staatsfinanzen seien
in Ordnung.
Es ist deshalb schlechthin falsch, wenn man jetzt die Erhöhung
der Steuern, Abgaben und Schulden mit Finanzlöchern ungeahnten
Ausmaßes begründet. Keine Partei wollte vor dem 22. September
die Wähler verunsichern.
Dieser Umgang mit dem Staatsvolk erbost. Wofür halten uns die Leute,
die uns repräsentieren? Selbst Unmündige darf man nicht hinters
Licht führen.
Fundamentale Weichenstellungen der Republik sind schon seit vielen Jahren
himmelschreiend unsozial für die kommenden Generationen, unsere
Kinder und Enkel, wegen des immensen Schuldenberges, den wir angehäuft
haben. Was soll man von Parteien, was von Politikern halten, die trotz
dieser astronomischen Staatsverschuldung mit zwölf (!) Nullen das
offene Wort zu den Wählern scheuen, die wahre Lage verschweigen,
krampfhaft den Anschein der Normalität zu wahren versuchen, obwohl
man reihenweise Versprechungen bricht und freundliche Ankündigungen
ins Gegenteil verkehrt. Flatterhaft sucht die Regierung nach immer neuen
Finanzquellen, wohl wissend, daß sich damit die Wirtschaftskrise
verschärfen wird.
Selbst Kinder wissen inzwischen, daß Deutschland seit langem im
steten Niedergang ist, der sich 2002 gewaltig beschleunigt hat und große
Unruhe auslöst, weil keinerlei Aussicht besteht, unter den herrschenden
Verhältnissen unserer Konsensgesellschaft die zunehmende Stagnation
zu überwinden und die Situation des Landes zu stabilisieren.
Für das Notwendige mag man den längst verschlissenen Begriff
der "Reform" nicht mehr in den Mund nehmen. Es geht um etwas
Selbstverständliches, Banales, nämlich endlich um die Einsicht,
daß Deutschland schon lange chronisch krank ist, daß wir
seit drei Jahrzehnten über unsere Verhältnisse gelebt haben
und daher kräftig sparen, die Ansprüche aller Gruppen und
Schichten eine Zeitlang reduzieren müssen.
Es geht um die Konsolidierung der Verhältnisse, einen Stopp des
ständigen Abrutschens, um ein Abschütteln der immer schwerer
erträglichen Lasten, die den Deutschen auferlegt werden, es geht
um eine Befreiung der mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit deformierten
Sozialen Marktwirtschaft im Sinne der vergessenen Worte Ludwig Erhards,
daß "zu sozial unsozial" werde.
Wir brauchen dringend mehr Wettbewerb, überall und allenthalben,
an und zwischen Schulen, Universitäten, Ländern, Kommunen.
Nur wenn uns diese Wiederbelebung der Selbständigkeit und Eigenverantwortung
gelingt, hat Deutschland eine Chance der Erneuerung, um unsere Zukunft
als führende, leistungsstarke Industrienation für unsere Kinder
und Enkel zu sichern. Wir sind doch in unserer langen Geschichte mit
ungleich größeren Herausforderungen fertig geworden!
Was geschehen müßte, ist längst allgemein bekannt. Immer
neue Kommissionen sind überflüssig. Sie bringen allenfalls
Zeitgewinn für eine ertrinkende Regierung, sichern nur vorübergehend
ihr Überleben.
Vergessen wir Hartz. Seine neuen Instrumente wollen das System gar nicht
verändern, die Mitspracherechte der Gewerkschaften bleiben unberührt.
Seit Jahrzehnten stapeln sich Gutachten, Denkschriften, wissenschaftliche
Stellungnahmen, stecken in Schubladen, sind längst in Papierkörben
gelandet. Bekanntlich haben wir nur Umsetzungs-, keine Erkenntnisprobleme!
Weiten Teilen der Bevölkerung ist inzwischen völlig klar (obwohl
das unsere Parlamentarier, denen ihr Volk fremd ist, nicht wahrhaben
wollen), daß wir uns unvermeidlich auf ein System zubewegen, in
dem der Staat nur noch eine Grundsicherung für Gesundheit wie Rente
garantiert und es den Bürgern überlassen bleibt, zusätzliche
Sicherungen durch eigene Vorsorge bereitzustellen, was natürlich
entsprechende Steuersenkungen voraussetzt.
Ebenso offenkundig ist, daß der Staat angesichts der vermutlich
anhaltenden Finanzkalamitäten seine Ausgaben drastisch drosseln
muß, statt die Einnahmen hochzuschrauben. Die Sozialausgaben sind
bekanntlich der bei weitem größte Posten im Etat des Bundes
(übrigens direkt gefolgt vom Schuldendienst der öffentlichen
Hand). Es hilft nichts: Sie müssen angesichts des nahen Staatsbankrotts
Punkt für Punkt überprüft und auf echte Probleme, unverschuldete
Notlagen beschränkt werden. Wenn Renten und Sozialausgaben runter
müssen, selbstverständlich auch Subventionen.
Unsere Bürgergesellschaft, die in Festreden so gern gerühmt
wurde, muß sich in der Stunde der Not bewähren, auf einfache,
aber wichtige Grundsätze besinnen, neu verständigen. Nur ein
Beispiel: Wer sich aus öffentlichen Mitteln unterstützen läßt,
muß künftig natürlich eine entsprechende Gegenleistung
für die Gesellschaft erbringen.
Man darf sich nichts vormachen: Nicht nur die Regierung ist, wenige
Wochen nach ihrer Wiederwahl, innerlich bereits am Ende - auch wenn
sie sich mit Flickschusterei, mit Minimallösungen, die das Debakel
aufschieben, eine Weile noch durchhelfen kann. Deutschland ist auf dem
Weg in eine westliche "DDR light". Ein Symptom dieser Entartung
ist die Tatsache, daß rund achtzig Prozent unserer Abgeordneten
aus dem öffentlichen Dienst, aus den Gewerkschaften kommen. Im
Bundestag sitzen unter sechshundert Abgeordneten bestenfalls ein Dutzend,
die wirklich etwas von Wirtschaft verstehen. Ein bürokratischer
Apparat lenkt seinen Staat ohne klare ordnungspolitische Vorstellungen,
ohne je die Welt gesehen, ohne je eigene Erfahrungen im Wirtschaftsleben
machen zu müssen: eine drohnenhafte Herrschaftskaste.
Der mittlerweile immer raschere Verfall wird, wenn sich die Bürger
nicht aufrappeln, schon deshalb fortschreiten, weil nicht nur RotGrün,
sondern auch Schwarz-Gelb mehr und mehr energielos in sich zusammensacken.
Die beiden Oppositionsparteien, die man früher bürgerlich
nannte, lassen keine grundsätzlich andere, größere Handlungsbereitschaft
erkennen. Daher sind wir heute nicht bedroht durch radikale Flügelparteien
auf der Rechten oder Linken, sondern uns lähmt die Leisetreterei
und Verantwortungsscheu der beiden Großparteien der Mitte.
Sie, die zwischen siebzig und achtzig Prozent der Wähler vertreten,
haben weder den Mut noch die Kraft, der Lage nüchtern ins Auge
zu blicken, entsprechend zu reden, zu handeln. "Was gegenwärtig
passiert", sagte ganz kürzlich Lothar Späth, "ist
nichts anderes als eine riesige Verdrängung der Realität."
Es geht bei ihr beileibe nicht nur um verschwiegene finanzielle Abgründe.
Abgesehen von der Sexualität sind bei uns alle Themen tabuisiert,
zum Beispiel die Probleme des Bevölkerungsrückgangs in Deutschland.
So spricht der saarländische Ministerpräsident Peter Müller
nicht öffentlich, sondern lediglich in einer internen Analyse der
Bundestagswahl von unserer "demographischen Katastrophe".
Warum ist das Parteiensystem so antriebsarm, weshalb wirkt es so gelähmt?
Seit Jahrzehnten hat sich keine demokratische Partei zielstrebig um
Führungsnachwuchs gekümmert. Entsprechend schlecht sieht es
personell selbst in der Spitzengruppe aus. Die Demokratie braucht jedoch
mehr, nicht weniger Führung als andere Regime.
Es festigt sich im Lande die Überzeugung, daß unser Parteiensystem,
in welcher Farbkombination auch immer, den heutigen Herausforderungen
in keiner Weise gewachsen ist und daher von der Krise verschlungen werden
wird, wenn es nicht die Kraft zur durchgreifenden Erneuerung findet.
Wenn unsere Parteien weder programmatisch noch personell in der Lage
sind, die Bevölkerung mit klaren Alternativen zu konfrontieren
und damit Richtungsentscheidungen zu erzwingen, ist diese Republik am
Ende.
Man muß gerecht sein, darf nicht übersehen, daß unsere
Verfassung ihrerseits durchgreifende Lösungen erschwert. Die heutige
Lage zeigt, bei einigen Verschiedenheiten, Ähnlichkeit mit der
Krise am Anfang der dreißiger Jahre. Nicht von ungefähr wird
Schröder in diesen Tagen immer wieder mit Brüning verglichen.
Es gibt Parallelen: die Selbstentmachtung des Parlaments, die emotionale
Distanz der Bevölkerung zur Republik. Aber anders als damals kennt
das Grundgesetz keinen Artikel 48, der seinerzeit jahrelang die krisengeschüttelte
Republik am Leben hielt. Es scheidet also heute die Möglichkeit
aus, mit Hilfe präsidialer Notverordnungen erforderliche, schmerzliche
Reformen ohne das Parlament in die Wege zu leiten.
Das Grundgesetz hat vier Jahre nach dem Ende der braunen Diktatur aus
damals verständlicher Angst vor der Wiederkehr eines Führerstaates
keine praktikablen Regelungen für den innenpolitischen Ernstfall
geschaffen. Niemand wird heute eine demokratische Diktatur fordern.
Aber was wird, wenn die normalen Verfahren nicht mehr greifen? Wir müssen
ernsthaft darüber nachdenken, ob die Verfassung von 1949 mit ihrer
vorsichtig ausgeklügelten Machtverteilung nicht jede energische
Konsolidierung Deutschlands verhindert.
Selbst eine handlungsbereite Bundesregierung könnte leicht an den
permanenten Plebisziten von sechzehn Landtagswahlen scheitern. Es wäre
das mindeste, die Bundestags- und alle Landtagswahlen auf das gleiche
Datum zu legen, wenn man schon Bundestag und Bundesrat nicht grundsätzlich
neu ordnen will.
Nicht nur das Parteiensystem, auch die Verfassung muß jetzt endlich
auf den Prüfstand.
Goethe meinte ganz zu Recht, das größte Bedürfnis, die
tiefste Sehnsucht der Mitmenschen sei eine mutige Regierung. Die Geduld
der Deutschen ist, wenn nicht alles täuscht, am Ende. So wie bisher
geht es auf keinen Fall weiter.
Die Situation ist reif für einen Aufstand gegen das erstarrte Parteiensystem.
Ein massenhafter Steuerboykott, passiver und aktiver Widerstand, empörte
Revolten liegen in der Luft.
Bürger, auf die Barrikaden! Wir dürfen nicht zulassen, daß
alles weiter bergab geht, hilflose Politiker das Land verrotten lassen.
Alle Deutschen sollten unsere Leipziger Landsleute als Vorbilder entdecken,
sich ihre Parole des Herbstes vor dreizehn Jahren zu eigen machen: Wir
sind das Volk!
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2002
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